Zimmer in Prokops Hause. An der linken Seite ein Fenster. Gegenüber eine Türe. Im Hintergrunde zwei andere, worunter eine Glastüre, die nach dem Söller führt.

Lukrezia. (tritt aus der Seitentüre links).
Es kommt der Tag, allein mein Vater nicht.
Ich hörte schießen, schrein, Geklirr der Waffen
Und er verläßt sein Kind in dieser Not.
O daß die Männer nur ins Weite streben!
Sie nennen's Staat, das allgemeine Beste,
Was doch ein Trachten nach dem Fernen nur.
Gibt's denn ein Bestes, das nicht auch ein Nächstes?
Mein Herz sagt nein, nächstpochend an die Brust.
(Ans Fenster tretend.)
Nun ist es ruhig und der graue Schein
Vom Ziskaberg verkündet schon die Sonne.
(Rasch umgewendet.)
Hör ich Geräusch und kehrt mein Vater heim?

(Die Glastüre des Söllers öffnet sich und Don Cäsar tritt ein.)

Don Cäsar. Viel Glück ins Haus!

Lukrezia. O Gott, so schaut das Unglück!

Don Cäsar. Erschreckt nicht holde Maid! Ich bin es selbst;
Und bin's auch nicht. Die Asche nur des Feuers,
Das einst für Euch geglüht, Ihr wißt wie heiß;
Der Schatten nur des Wesens das ich war.
Und selbst der letzte Schimmer dieses Daseins,
Der noch ins Dunkel strahlt, das Leben heißt,
Kommt zu verlöschen mir in dieser Nacht.
Ich geh in Kampf und weiß ich werde fallen,
Die Ahnung trügt nicht wenn vom Wunsch erzeugt.
Was soll ich auch in dieser wüsten Welt,
Ein Zerrbild zwischen Niedrigkeit und Größe;
Verleugnet von dem Manne der mein Vater,
Mißachtet von dem Weib das ich geliebt.—
Erzittert nicht! Davon ist nicht die Rede.
Die Leidenschaften und die heißen Wünsche,
Die mich bewegt, sie liegen hinter mir,
Ich habe sie begraben, eingesargt.
Was ist es auch—ein Weib? Halb Spiel, halb Tücke,
Ein Etwas, das ein Etwas und ein Nichts,
Je demnach ich mir's denke, ich, nur ich.
Und Recht und Unrecht, Wesen, Wirklichkeit,
Das ganze Spiel der buntbewegten Welt,
Liegt eingehüllt in des Gehirnes Räumen,
Das sie erzeugt und aufhebt wie es will.
Ich plagte mich mit wirren Glaubenszweifeln,
Ich pochte forschend an des Fremden Tür,
Gelesen hab ich und gehört, verglichen,
Und fand sie beide haltlos, beide leer.
Vertilgt die Bilder solchen Schattenspiels,
Blieb nur das Licht zurück, des Gauklers Lampe,
Das sie als Wesen an die Wände malt,
Als einz'ge Leidenschaft der Wunsch: zu wissen.
Laßt mich erkennen Euch, nur deshalb kam ich;
Zu wissen was Ihr seid, nicht was Ihr scheint.
Denn wie's nur eine Tugend gibt: die Wahrheit,
Gibt's auch ein Laster nur: die Heuchelei.

Lukrezia. Mir aber dünkt, der Heuchler, wie Ihr's nennt,
Zeigt mindstens Ehrfurcht vor dem Heil'gen, Großen,
Das Eure Wahrheit leugnet wenn sie's schmäht.

Don Cäsar. So seid Ihr Heuchlerin?

Lukrezia. Ich war es nie.

Don Cäsar. Ich fürchte doch: ein bißchen, holde Maid.
Als ich, nun lang, zum erstenmal Euch sah,
Da schien mir alle Reinheit, Unschuld, Tugend
Vereint in Eurem jungfräulichen Selbst;
Zeigt wieder Euch mir also, laßt mich glauben!
Und wie der Mann der abends schlafen geht
Von eines holden Eindrucks Macht umfangen,
Er träumt davon die selig lange Nacht,
Und beim Erwachen tritt dasselbe Bild
Ihm mit dem Sonnenstrahl zugleich vors Auge.
So gebt mir Euch, Euch selber auf die Reise
Von der zurück der Wandrer nimmer kehrt.
Kein Weib, ein Engel; nicht geliebt, verehrt.