Rudolf. Ihr seid es? Bruder du? Willkommen Vetter!
Nehmt Sitz! Ihr kommt in wunderlicher Zeit.
(Er hat sich gesetzt.)
Was Neues in der Welt? Zwar stets dasselbe:
Das Alte scheidet und das Neue wird.
Kommt ihr zum Taufschmaus oder zum Begräbnis?
Ferdinand. Eh' wir uns setzen, so erlaubt daß knieend
Abbitte wir für das Vergangne leisten,
Den Willen unterstellend für die Tat.
(Die Erzherzoge knien.)
Rudolf. Vom Boden auf!—Und du mein guter Bruder
Sprichst nicht?
Max. Mir ist das Weinen näher.
Auch kniet sich's schwer mit meines Körpers Last.
Rudolf. Vom Boden auf! Soll unser edles Haus
Vor jemand knieen als vor seinem Gott?
Ist einer tot so liegt er auf dem Grund,
Doch lebend kniet kein Mann und kein Erzherzog.
(Die beiden sind aufgestanden.)
Rudolf. Sollt' ich euch strenger richten als mich selbst?
Wir haben's gut gemeint, doch kam es übel.
Das macht: dem reinen Trachten eines Edlen,
Kann er's nicht selbst vollführen, er allein,
Mischt von der Leidenschaft, der bösen Selbstsucht
Der andern, die als Werkzeug ihm zur Hand,
So viel sich bei, daß, hat er nun vollbracht,
Ein Zerrbild vor ihm steht statt seiner Tat.
Ich habe viel gefehlt, ich seh es ein,
Seitdem ich aus den Nebeln, die am Gipfel,
Herabgestiegen in das tiefe Tal,
In dem das Grab liegt als die letzte Stufe.
Ich hielt die Welt für klug, sie ist es nicht.
Gemartert vom Gedanken droh'nder Zukunft,
Dacht' ich die Zeit von gleicher Furcht bewegt,
Im weisen Zögern seh'nd die einz'ge Rettung.
Allein der Mensch lebt nur im Augenblick,
Was heut ist kümmert ihn, es gibt kein morgen.
So rannten sie hinein ins tolle Werk,
Und ihr, ihr ranntet nicht, allein ihr gingt.
Ich tadl' euch nicht, ihr wart besorgt ums Ganze,
Nicht böse Selbstsucht hat euch irrgeführt.
Nur einen tadl' ich, den ich hier nicht nenne;
Den ich verachtet einst, alsdann gehaßt.
Und nun bedaure als des Jammers Erben.
Er hat nur seiner Eitelkeit gefrönt,
Und dacht' er an die Welt, so war's als Bühne,
Als Schauplatz für sein leeres Heldenspiel.
Max (vom Stuhle aufstehend).
Gerade darum, Bruder, sind wir hier.
Es muß der böse Zwist zum Abgrund kehren,
Und Recht dir werden, der du rechtlich bist.
Rudolf. Davon kein Wort! Der König ist dahin.
Ich geb ihn auf. Allein das Königtum
Möcht' ich der Welt erhalten, der's vonnöten.
Mein Bruder herrscht in Ungarn und in Östreich,
Er will's in Böhmen auch, nicht künftig, jetzt.
Wohlan es sei darum; denn keine Teilung
Verträgt was alle Teile eint zum Ganzen.
Ich selbst, wie einst mein Oheim, Karl der Fünfte,
Als er die Welt, wie sie nun mich, zurückstieß,
Im Kloster von Sankt Justus in Hispanien
Den Tod erwartete, so will auch ich.
Es währt nicht lang, ich fühl es wohl, denn Undank
Gräbt tiefer als des Totengräbers Spaten;
Und Kloster sei und Zelle mir dies Schloß.
Mathias herrsche denn. Er lerne fühlen,
Daß tadeln leicht und Besserwissen trüglich,
Da es mit bunten Möglichkeiten spielt;
Doch handeln schwer, als eine Wirklichkeit,
Die stimmen soll zum Kreis der Wirklichkeiten.
Er sieht dann ein, daß Satzungen der Menschen
Ein Maß des Törichten notwendig beigemischt,
Da sie für Menschen, die der Torheit Kinder.
Daß an der Uhr, in der die Feder drängt,
Das Kronrad wesentlich mit seiner Hemmung,
Damit nicht abrollt eines Zugs das Werk,
Und sie in ihrem Zögern weist die Stunde.
Ihr selbst wart um mein Herrscheramt bemüht,
Mehr fast als gut. Sorgt auch für ihn.
Allein bedenkt: der auf dem Throne sitzt,
Er ist die Fahne doch des Regiments,
Zerrissen oder ganz, verdient sie Ehrfurcht.