(Geht gegen die Mitteltüre zu.)
Gertrude.
Hört nur noch eins.—Ihr nanntet oft mich stolz,
Ein kühnes Weib, vergleichbar einem Mann.
Ich war's, ich bin's! Und doch—seht mich hier knien.
(Sie kniet.)
Gebt meinen Bruder mir als Reichsgehilfen!
Gönnt ihm den Namen nur! Ich will ihn hüten,
Er soll nichts tun, um was ich nicht gewußt.
Wie einem Vogel man die Flügel schneidet,
Nun hüpft er frei, und dünkt sich frei, und ist's nicht.
So will ich halten ihn, mit Liebe füttern,
Und er soll Dank mir zwitschern, und gedeihn.
Gönnt ihm den Namen nur, daß er sich fühle,
Zufrieden sei, zum erstenmal zufrieden.
(Der König hat sie aufgehoben.)
Ihr seht mich schwach; ich schäme mich, und doch
Kann ich nur wiederholen: Tut's, o tut's!
König.
Macht mich der Bruder eifersüchtig nicht?
Gertrude.
Nicht so! Ich liebe dich, weiß Gott, wie innig!
Doch war die Zeit, da ich dich noch nicht kannte.
Erst nach durchlebter Jugend fand ich dich,
Und seitdem wandelt auch mein Geist mit dir.
Doch er, an seiner Wiege stand ich schon,
Er war die Puppe, die ich tändelnd schmückte;
Mein Vaterland, der Eltern stilles Haus,
Mein erst Gefühl, die Kindheit lebt in ihm.
Ich grollte stets, daß ich ein Mädchen war,
Ein Knabe wünscht' ich mir zu sein, wie Otto.
Er wuchs heran, in ihm war ich ein Jüngling,
In ihm ging ich zur Jagd, bestieg das Roß,
In ihm lockt' ich des Burgwarts blöde Töchter.—
Ihr wißt, wie ich die Zucht als Weib gehalten,
Doch tat mir's wohl, in seinem kecken Tun
Traumweis zu überfliegen jene Schranken,
In die ein enger Kreis die Weiber bannt.
Er ist mein Ich, er ist der Mann Gertrude,
Ich bitt Euch, trennt mich nicht von meinem Selbst!
Soll er mein Helfer sein, wir wollen leben
Wie drei Geschwister, Euer Volk das dritte!
Soll er?
König.
Was machst du, Weib, aus mir?
Gertrude.
Soll er?
König.
Nun wohl, ich will ihn sprechen.
Gertrude.
Dank, o Dank!