Gertrude.
O stille! still!
Sprecht keinen Namen aus, der, ausgesprochen,
Zu Schlüssen stempelt prüfende Gedanken,
Und Euch zu halten nötigt das Gesagte;
Nicht weil es gut, nein, weil Ihr es gesagt.
Wenn Ihr mich liebt, wenn ich Euch jemals wert,
So gebt den Herzog, meinen Bruder, mir
Als Mitgenoß des fürstlichen Geschäfts.
Ich seh es, Eure Stirne runzelt sich.
Ihr liebt ihn nicht! Schon oft hab ich's bemerkt,
Mit Schmerz, mit tiefem Kummer es bemerkt,
Ihr liebt ihn nicht!
König.
Ich liebe, was ich achte.
Gertrude.
So achtet Ihr ihn nicht? Wer darf das sagen?
O glaubt nicht, was der Neid von ihm berichtet,
Die Scheelsucht, die nur lobt, was klein wie sie.
Der Schwester glaubt, die ich ihn kenn und liebe;
Die ich ihn liebe, ja! denn wahrlich, Herr,
Die Liebe nur erkennt und ist gerecht.
Ihr gebt ihm Fehler. Sei's! doch schaut um Euch,
Wo lebt der Mann hier Landes, ihm vergleichbar?
Sprech ich zuerst von seines Äußern Gaben?
Wie sie so herrlich sind, unübertroffen,
Und alle dienstbar seinem kühnen Geist.
Sein blitzend Aug', es blitzt auch auf die Feinde,
Der frische Mund macht Überredung süß,
Die Heldenbrust, der Glieder kräft'ger Bau
Verkündet ihn als Herrn und als Gebieter.
Glaubt Ihr, ein Meuter wagte zu bestehn,
Mit dem Gefühl der Schuld in seiner Brust,
Vor eines solchen Blick?—Fürwahr, fürwahr!
Des Geistes hohe Gaben acht ich alle,
Doch erst, wenn so des Äußern Trefflichkeiten,
Herolden gleich, vor ihnen her trommeten,
Dann ziehn sie ein als Könige der Welt.
König.
Du bist begeistert!
Gertrude.
Ja, ich bin's, und weh mir,
Wenn ich's nicht wäre, wo es Würd'ges gilt.
Sagt selbst, ist nicht mein Bruder tapfer, klug,
Entschlossen und verschwiegen, listig, kühn,
Kein Zaudrer?
König.
Ja.
Gertrude.
Was fehlt ihm also?
König.
Sitte!
Gertrude.
Nun, er ist jung, viel geht der Jugend hin,
Und viel erreicht sie selbst durch ihre Fehler.
Er ist geschäftlos, gebt ihm ein Geschäft!
Und dann was tut er auch? Er schwärmt, er liebt.
In Frankreich achtet man den Jüngling wenig,
Der nicht bei Weibern gilt, im Zwist der Minne
Den Geist vorübend schärft für ernstern Zwist.
König.
So üb' er sich in Frankreich, wo man's duldet,
Und abgeklärt, sei er willkommen mir.
Von andern Völkern borgt das Schlimme nicht,
Wer weiß, ob euch erreichbar ist ihr Gutes?
Der Franke mag durch manche hohe Gaben
Den Leichtsinn adeln, dem er gern sich gibt;
Mein Land bewohnt ein einfach stilles Volk,
Zu jeder Art des Guten rasch und tüchtig,
Doch Sitte hält ihr unverrückbar Maß
Streng zwischen allzuwenig, und zuviel,
Und bannt den spröden, überscharfen Sinn.
So ist, so muß es sein, so soll es bleiben!