Libussa. Und fürchtest du denn nicht, daß deine Mauern,
Den Menschen trennend vom lebendigen Anhauch
Der sprossenden Natur, ihn minder fühlend
Und minder einig machen mit dem Geist des All?
Primislaus. Gemeinschaft mit den wandellosen Dingen
Sie ladet ein zum Fühlen und Genießen,
Man geht nicht rückwärts lebt man mit dem All;
Doch vorwärts schreiten, denken, schaffen, wirken
Gewinnt nach innen Raum, wenn eng der äußre.
Libussa. Doch sind die Menschen strenggeschiedne Wesen,
Ein jeder ist ein andrer und er selbst;
Die enge Nähe, störende Gemeinschaft
Schleift ab das Siegel jeder eignen Geltung,
Statt Menschen hast du viele die sich gleich.
Primislaus. Was jeder abgibt geben auch die andern
Und so empfängt der eine tausendfach.
Es ist der Staat die Ehe zwischen Bürgern,
Der Gatte opfert gern den eignen Willen,
Was ihn beschränkt ist ja ein zweites Selbst.
Libussa (die Hand auf seine Schulter legend).
Wohl, ich verstehe das mein Primislaus,
Und also bau nur immer deine Stadt.
Allein warum denn hier, an dieser Stelle,
Wo manchen sie belästigt und beirrt?
Primislaus (aufstehend).
Siehst du, die Moldau, dieses Landes Ader,
Die blutverbreitend durch den Körper strömt,
Hier hat versammelt sie all ihre Quellen
Und breitet sich in weiten Ufern aus.
Noch weiter unten fließt sie in die Alb,
Mit der vereint sie durch die Berge bricht,
Die scheiden unser Land vom deutschen Land
Und strömt mit ihr, so sagt man, bis ins Meer.
Steht unsre Stadt nun hier, so baun wir Schiffe
Und laden auf des Landes Überfluß
An Frucht, an Korn, an Silber und an Gold.
Libussa. So achtest du das Gold?
Primislaus. Ich nicht, doch andre,
Und andern eben bieten wir es dar.
So schafft uns Tausch was hier noch etwa fehlt.
Libussa. Genügsamkeit ist doch ein großes Gut!
Primislaus. Befriedigt ist das Tier nur und der Weise,
Den Menschen, die gleich mir und gleich den meisten
Ward das Bedürfnis als ein Reiz und Stachel
Von ew'gen Mächten in die Brust gelegt,
Bedürfnis das sich sehnt nach der Befried'gung
Und dort auch noch zu neuen Wünschen keimt.
Hat auch das Land was ihm zur Not genug;
An unsern Grenzen wohnen andre Völker,
Die streben vor und mehren ihre Macht.
Das Viel und Wenig liegt in der Vergleichung
Und in der Truhe mindert sich der Schatz.
Wer Hundert hat und sich damit begnügt,
Er hat's nicht mehr, zählt jeder Nachbar Tausend.