Kleinere.
Mich schläfert.

Ältere.
Laß uns schlafen gehn 's ist spät.

Medea.
Ihr werdet schlafen noch euch zu Genügen.
Geht hin dort an die Stufen, lagert euch,
Indes ich mich berate mit mir selbst.—-
Wie er den Bruder sorgsam hingeleitet,
Das Oberkleid sich abzieht und dem Kleinen
Es warm umhüllend um die Schulter legt,
Und nun, die kleinen Arme dicht verschlungen,
Sich hinlegt neben ihm.—Schlimm war er nie!—-
O Kinder! Kinder!

Knabe (sich emporrichtend).
Willst du etwas?

Medea.
Schlaf nur!
Was gäb' ich, könnt' ich schlafen so wie du.

(Der Knabe legt sich hin und schläft. Medea setzt sich gegenüber auf eine Ruhebank. Es ist nach und nach finster geworden.)

Die Nacht bricht ein, die Sterne steigen auf,
Mit mildem, sanftem Licht herunterscheinend;
Dieselben heute, die sie gestern waren
Als wäre alles heut, wie's gestern war;
Indes dazwischen doch so weite Kluft
Als zwischen Glück befestigt und Verderben:
So wandellos, sich gleich, ist die Natur
So wandelbar der Mensch und sein Geschick. Wenn ich das Märchen
meines Lebens mir erzähle,
Dünkt mir, ein andrer spräch', ich hörte zu,
Ihn unterbrechend: Freund, das kann nicht sein!
Dieselbe, der du Mordgedanken leihst,
Läßt du sie wandeln in dem Land der Väter,
Von ebendieser Sterne Schein beleuchtet,
So rein, so mild, so aller Schuld entblößt
Als nur ein Kind am Busen seiner Mutter?
Wo geht sie hin? Sie sucht des Armen Hütte,
Dem ihres Vaters Jagd die Saat zerstampft
Und bringt ihm Gold und tröstet den Betrübten.
Was sucht sie Waldespfade? Ei sie eilt
Dem Bruder nach, der ihrer harrt im Forst,
Und nun, gefunden, wie zwei Zwillingssterne
Durchziehn sie strahlend die gewohnte Bahn.
Ein andrer naht, die Stirn mit Gold gekrönt;
Es ist ihr Vater, ist des Landes König.
Er legt die Hand ihr auf, ihr und dem Bruder
Und segnet sie, nennt sie sein Heil und Glück.
Willkommen holde, freundliche Gestalten
Sucht ihr mich heim in meiner Einsamkeit?
Kommt näher laßt mich euch ins Antlitz sehn!
Du guter Bruder, lächelst du mir zu?
Wie bist du schön, du meiner Seele Glück.
Dein Vater zwar ist ernst, doch liebt er mich
Liebt seine gute Tochter! Gut? Ha gut!

(Aufspringend.)

's ist Lüge! Sie wird dich verraten Greis!
(Hat) dich verraten, dich und sich.
Du aber fluchtest ihr.
Ausgestoßen sollst du sein,
Wie das Tier der Wildnis, sagtest du,
Kein Freund sei dir, keine Stätte
Wo du hinlegest dein Haupt.
Er aber, um den du mich verrätst,
Er selber wird mein Rächer sein,
Wird dich verlassen, verstoßen
Töten dich.
Und sieh! Dein Wort ist erfüllt:
Ausgestoßen steh ich da,
Gemieden wie das Tier der Wildnis,
Verlassen von ihm, um den ich dich verließ,
Ohne Ruhstatt, leider (nicht) tot,
Mordgedanken im düstern Sinn.
Freust du dich der Rache?
Nahst du mir?—Kinder! Kinder!

(Hineilend und sie rüttelnd.)