Sappho.
Lieben! Hassen!
Gibt es kein Drittes mehr? Du warst mir wert
Und bist es noch und wirst mir's immer sein
Gleich einem lieben Reis'genossen, den
Auf kurzer Überfahrt des Zufalls Laune
In unsern Nachen führte, bis das Ziel erreicht
Und scheidend jeder wandelt seinen Pfad,
Nur manchmal aus der fremden weiten Ferne
Des freundlichen Gefährten sich—erinnernd
(Die Stimme versagt ihr.)

Phaon (bewegt).
O Sappho!

Sappho.
Still! Laß uns in Ruhe scheiden!
(Zu den übrigen.)
Ihr die ihr Sapphon schwach gesehn, verzeiht!
Ich will mit Sapphos Schwäche euch versöhnen,
Gebeugt erst zeigt der Bogen seine Kraft!
(Auf den Altar im Hintergrunde zeigend.)
Die Flamme zündet Aphroditens an
Daß hell sie strahle in das Morgenrot!
(Es geschieht.)
Und nun entfernt euch, lasset mich allein
Alleine mit den Meinen mich beraten!

Rhamnes.
Sie will's, laßt uns gehorchen. Kommt ihr alle!

(Ziehen sich zurück.)

Sappho (vortretend).
Erhabne, heil'ge Götter!
Ihr habt mit reichem Segen mich geschmückt!
In meine Hand gabt ihr des Sanges Bogen,
Der Dichtung vollen Köcher gabt ihr mir;
Ein Herz zu fühlen, einen Geist zu denken
Und Kraft zu bilden was ich mir gedacht!
Ihr habt mit reichem Segen mich geschmückt,
Ich dank euch!

Ihr habt mit Sieg dies schwache Haupt gekrönt
Und ausgesät in weitentfernte Lande
Der Dichtrin Ruhm, Saat für die Ewigkeit!
Es tönt mein goldnes Lied von fremden Zungen
Und mit der Erde nur wird Sappho untergehn,
Ich dank euch!

Ihr habt der Dichterin vergönnt zu nippen
An dieses Lebens süß umkränzten Kelch,
Zu nippen nur, zu trinken nicht.
O seht, gehorsam eurem hohen Wink
Setz ich ihn hin den süß umkränzten Becher
Und trinke nicht!

Vollendet hab ich, was ihr mir geboten,
Darum versagt mir nicht den letzten Lohn!
Die euch gehören, kennen nicht die Schwäche,
Der Krankheit Natter kriecht sie nicht hinan,
In voller Kraft, in ihres Daseins Blüte
Nehmt ihr sie rasch hinauf in eure Wohnung—
Gönnt mir ein gleiches, kronenwertes Los!—

O gebt nicht zu daß eure Priesterin
Ein Ziel des Hohnes werde eurer Feinde,
Ein Spott des Toren, der sich weise dünkt.
Ihr bracht die Blüten, brechet auch den Stamm!
Laßt mich vollenden, so wie ich begonnen,
Erspart mir dieses Ringens blut'ge Qual.
Zu schwach fühl ich mich länger noch zu kämpfen,
Gebt mir den Sieg, erlasset mir den Kampf!
(Begeistert.)
Die Flamme lodert und die Sonne steigt,
Ich fühl's ich bin erhört! Habt Dank ihr Götter!—
Du Phaon! Du Melitta! Kommt heran!
(Phaon auf die Stirne küssend.)
Es küsset dich ein Freund aus fernen Welten
(Melitten umarmend.)
Die tote Mutter schickt dir diesen Kuß!