Phaon.
Recht schön, recht schön!

Sappho.
Von all den Mädchen
Die je ein spielend Glück mir zugeführt,
War keine teurer mir als sie, Melitta,
Das liebe Mädchen mit dem stillen Sinn.
Obschon nicht hohen Geists, von mäß'gen Gaben
Und unbehilflich für der Künste Übung,
War sie mir doch vor andern lieb und wert
Durch anspruchsloses, fromm-bescheidnes Wesen,
Durch jene liebevolle Innigkeit,
Die langsam, gleich dem stillen Gartenwürmchen,
Das Haus ist und Bewohnerin zugleich,
Stets fertig bei dem leisesten Geräusche
Erschreckt sich in sich selbst zurückzuziehn,
Und um sich fühlend mit den weichen Fäden
Nur zaudernd waget Fremdes zu berühren,
Doch fest sich saugt, wenn es einmal ergriffen,
Und sterbend das Ergriffne nur verläßt.

Phaon.
Recht schön, fürwahr, recht schön!

Sappho.
Ich wünschte nicht,
Verzeih mein teurer Freund! ich wünschte nicht,
Daß je ein unbedachtsam flücht'ger Scherz
In dieses Mädchens Busen Wünsche weckte
Die unerfüllt mit bitterm Stachel martern,
Ersparen möcht ich gern ihr die Erfahrung,
Wie ungestillte Sehnsucht sich verzehret,
Und wie verschmähte Liebe nagend quält.
Mein Freund!—

Phaon.
Wie sagtest du?

Sappho.
Du hörst mich nicht!

Phaon.
Ich höre: Liebe quält!

Sappho.
Wohl quält sie!
Mein Freund, du bist jetzt nicht gestimmt, wir wollen
Ein andermal noch diesen Punkt besprechen!

Phaon.
Ganz recht, ein andermal!

Sappho.
Für jetzt, leb wohl!
Ich pflege diese Stunde sonst den Musen
In jener stillen Grotte dort zu weihn.
Hoff ich gleich nicht die Musen heut zu finden,
So ist doch mind'stens Stille mir gewiß
Und ich bedarf sie. Leb indessen wohl!