Sappho (noch immer abgewandt).
Nicht Gold verlang ich, nur was mein! Sie bleibt!

Phaon.
Sie bleibet nicht! Bei allen Göttern, nein!
Du selber hast dein Recht auf sie verwirkt
Als du den Dolch auf ihren Busen zücktest,
Du kauftest ihre Dienste, nicht ihr Leben!
Glaubst du, ich ließe sie in deiner Hand?
Noch einmal, fordre Lösegeld und laß sie!

Sappho (zu Rhamnes).
Erfülle was ich dir befahl!

Phaon.
Zurück!
Du rührst an deinen Tod, berührst du sie!
So ist dein Busen denn so ganz entmenscht,
Daß er sich nicht mehr regt bei Menschenleiden!
Zerbrich die Leier, gifterfüllte Schlange!
Die Lippe töne nimmerdar Gesang,
Du hast verwirkt der Dichtung goldne Gaben!
Den Namen nicht entweihe mehr der Kunst!
Die Blume soll sie sein aus dieses Lebens Blättern,
Die hoch empor, der reinsten Kräfte Kind,
In blaue Luft das Balsamhaupt erhebt
Den Sternen zu, nach denen sie gebildet.
Du hast als gift'gen Schierling sie gebraucht,
Um deine Feinde grimmig zu verderben!
Wie anders malt' ich mir, ich blöder Tor
Einst Sapphon aus, in frühern, schönern Tagen!
Weich wie ihr Lied, war ihr verklärter Sinn
Und makellos ihr Herz, wie ihre Lieder,
Derselbe Wohllaut der der Lipp' entquoll
Er wiegte sich auch wogend in der Brust
Und Melodie war mir ihr ganzes Wesen!
Wer hat dich denn mit Zauberschlag verwandelt?
Ha, wende nicht die Augen scheu von mir!
Mich blicke an, laß mich dein Antlitz schauen
Daß ich erkenne, ob du's selber bist,
Ob dies die Lippen die mein Mund berührt,
Ob dies das Auge das so mild gelächelt,
Ob Sappho du es bist, du Sappho?

(Er faßt ihren Arm und wendet sie gegen sich. Sie blickt empor, ihr
Auge trifft das seinige.)

Sappho (schmerzvoll zusammenfahrend).
Weh mir!

Phaon.
Du bist es noch; ja, das war Sapphos Stimme!
Was ich gesagt! Die Winde tragen's hin,
Es soll nicht Wurzeln schlagen in dem Herzen!
O es wird helle, hell vor meinem Blick
Und wie die Sonne nach Gewittersturm
Strahlt aus der Gegenwart entladnen Wolken
In altem Glanze die Vergangenheit.
Sei mir gegrüßt, Erinnrung schöner Zeit!
Du bist mir wieder was du einst mir warst,
Eh' ich dich noch gesehn, in ferner Heimat,
Dasselbe Götterbild, das ich nur irrend
So lange für ein Menschenantlitz hielt,
Zeig dich als Göttin! Segne Sappho, segne!

Sappho.
Betrüger!

Phaon.
Nein fürwahr, ich bin es nichts
Wenn ich dir Liebe schwur, es war nicht Täuschung,
Ich liebte dich, so wie man Götter wohl
Wie man das Gute liebet und das Schöne.
Mit Höhern, Sappho, halte du Gemeinschaft,
Man steigt nicht ungestraft vom Göttermahle
Herunter in den Kreis der Sterblichen.
Der Arm, in dem die goldne Leier ruhte,
Er ist geweiht, er fasse Niedres nicht!

Sappho (abgewendet vor sich hin).
Hinab in Meeresgrund die goldne Leier
Wird ihr Besitz um solchen Preis erkauft!