Dann aber würgte sie die Scham, etwas Neues, Unbekanntes. Urplötzlich griff sie zu und riß sie zu Boden und schleuderte sie herum und zerrte und zog. Die Scham.

Sie saß an einem Caféhaustisch unter lärmenden Gesellen. Man sprach Persönliches und schien sie vergessen zu haben. Ringsum gleichgültige Menschen, mit dreckigem Lachen und blinzelnden Augen. Und fernes Musikgepolter. Lüge und Einsamkeit.

Da stand sie auf und lief hinaus. Jubelnd lief sie in seine Wohnung, frei und strahlend. Er war nicht da, sie schrieb. Tage vergingen. Endlich lag es vor ihr: Ich habe unter Qualen auf dich gewartet. Du wirst mich finden.

Ihre Stimmung war verflogen. Sie schüttelte den Kopf: Das war es nicht, was sie erwartet hatte. Wochenlang lebten sie nebeneinander her, es keimte Mißtrauen zwischen ihnen.

Ich habe was verpaßt, fühlte er, — — oder der Eigensinn — — — —

Sein Vater war in alles eingeweiht und traf Anstalten für eine dauernde Verbindung. Sie sahen einen heißen Kampf unter sich vor Augen, doch der Sieg schien sicher. Das Wort ‚gut‘ hatte eine zu tiefe Bedeutung für sie gewonnen, und sie baute sich aus dem Gelesenen ein System zusammen, das sie freisprach und befriedigen sollte. Er selbst trug dazu bei und stellte sie in den Mittelpunkt von Komödien und Novelletten, die er an die Zeitschriften verschickte, mit Rückporto versehen.

Ihre Abende vergingen etwa so, daß sie daran dachte, wem sie wohl von ihren früheren Freunden Verlobungsanzeigen schicken solle, während er Verse deklamierte und sich pathetisch mit den fahrenden Sängern des Mittelalters verglich.

Es war eine himmlische Ruhe in ihr. Der Blick begann sich für das Leben zu schärfen. Sie hatte wieder ihren suchenden Blick. Sie begann zu hänseln und zu widersprechen. Zu dem anfangs gutmütigen Spott gesellte sich unmerklich Bosheit und Hohn. Aus dem sichern Gefühl eines wiedererwachten Selbstbewußtseins heraus.

Sie trieb ihn zu Freunden und Gesellschaften. Ihr Blick wurde unstät und flackernd. Da kam sie mit einem seiner Bekannten, dem Werner, zusammen und wurde nachdenklich und unruhig.

Aber es war eine Unruhe, die ihr neu war, und die sie entzückte. Sie zitterte, wenn sie den anderen nach ihm fragte.