Sie sahen wieder lange Zeit schweigend durcheinander hindurch.
Sie hatte den Kopf gestützt und schien zu lauschen.
Er hätte es gern gesehen, wenn sie gelächelt oder irgendeine Bemerkung gemacht hätte. Sie blieb unbeweglich und schwieg. Er dachte an die Möglichkeit, daß sie eingeschlafen war. Er empfand seine Unruhe wachsen. Es lastete etwas auf ihm und drohte ihn zu ersticken. Sein Atem ging kurz. Er sah sie mit flackernden Blicken an. Seine Stimme bekam einen rissigen Klang.
»Manchmal erinnere ich mich jenes Auftrittes, als ich mit dir in einer fremden Stadt in ein Tanzlokal ging. Es war ein Lokal, das in sehr schlechtem Rufe stand, aber ich wollte durchaus hin, du weißt, es spielte ein Orchestrion.« Er sprach schneller, als wollte er etwaigen Einwendungen zuvorkommen. Er sprach über sie hinweg wie zu einer fremden Person, die hinter dem Fenster stand. Ach was, dachte er, ich werde es ihr zeigen, nein, ich muß das sogar und gerade jetzt. Er suchte in ihrem Gesicht nach Spuren von Unruhe und lächelte boshaft.
»Du mußt verstehen, ich konnte nicht anders, ich mußte hingehen und um Entschuldigung bitten. Es war ja lächerlich, er kommt auf dich zu, schlägt dir mit der Faust ins Gesicht und schreit, du hättest ihm Geld genommen. Warum du nur darauf eingingst — es war ja gleich, was er auch sagte, aber du gebrauchtest Ausdrücke — du sagtest damals, du wärest noch nie dort gewesen, es war seltsam.« Er schwieg plötzlich. Ihr Gesicht bekam einen abweisenden Zug, wurde kalt, fremd, als wollte sie einem hinzutretenden Unbekannten zurufen: Wer spricht eigentlich hier?
Er nahm schnell die Karten wieder auf und sagte einen Trumpf an. Die Erkenntnis seiner Feigheit war ihm so beschämend, daß das Blut in den Kopf stieg. Er wartete nicht erst ab, ob sie auf das Spiel einging, und legte die Karten wieder hin. Er tat es behutsam, als habe er Kostbares in den Händen, und hielt den Kopf gesenkt.
Sie fragte leichthin: »Wo hast du deine Freundinnen eigentlich kennen gelernt?« Er schwankte einen Augenblick, als ob er auffahren wollte, und antwortete ruhig: »Du weißt es ja, bei jenem Fest.«
»Ich hatte das nicht von dir gedacht.« Sie sprach leise mit zitternder Stimme, in Erinnerungen versunken: »Du solltest ganz mein sein, ich wollte jemanden haben, zu dem ich hätte aufblicken können.«
Er stieß hervor: »Und da hast du das Schlimmste getan, was überhaupt ein Weib tun kann . . .«
»Was habe ich denn getan . . .« sagte sie leise, »alles ist von dir ausgegangen, du hast mich gehetzt, wo ich bei dir die Ruhe gesucht habe.«