7. IV. 15.
L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel klarer und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut; im Grunde drückst Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz klar und erschöpfend aus und ich fühle gut, wie vieles in den Aphorismen daneben tappt, wenn auch oft vielleicht mehr durch die Wortwahl als den Sinn; ich erschrecke jetzt über manches, was ich geschrieben habe; das muß ja so wie ich es ausdrückte, einen Unsinn ergeben und vom Kern der Kunst ablenken, statt hinzuführen; ich schreib Dir noch ausführlicher; diese Karte soll Dir nur erstens sagen, daß ich II mit Freuden zurückziehe; mach Dir darüber gar keine Gedanken; Du weißt wie leicht ich verfehlte Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber vielleicht noch einmal arbeiten zu können, gerade auf Grund Deiner Briefe. Aber jetzt noch nicht. Sie sind für mich schon eine Art „Werk“, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann zweitens Dank für den famosen Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das was ich wollte. — — — — —
Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, — das sind die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der vergiftenden Krankheit des Individualitätskultus zugrunde, am Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit, davon muß man gänzlich loskommen. Dann ist man frei und hat Boden unter sich.
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Dein
Frz.
Fortsetzung am 8. IV. 15.
Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt, was Du meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir meine freudige Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, daß Du mich immer noch dahin verstehen willst, daß nach mir Kunst: Form sein soll, was gewiß falsch ist. Form ist die natürliche Folge eines Gefühls wie die Haltung und Gebärde die Folge und Äußerung eines Charakters ist. Ein wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich muß mich so oder so halten, benehmen, kleiden, — er thut es eben. Das ist für ihn Selbstverständlichkeit, sogar Unbewußtheit. Im Ursinn und Prinzip ist es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven Kunst, (z. B. mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen usw. Mit der modernen Kunst (der „modernen Menschheit“), ich denke mir sie ungefähr ab 14. Jahrh. begann der sogenannte „Fortschritt“, ein ungeheures, auch heute noch lange nicht abgeschlossenes Streben nach Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten, aber auch allen Wundern Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in der Pinakothek hattest: es gibt in der europäischen Kunst ganz ganz wenig völlig reine Bilder. Fast überall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie, der rationalistischen Überlegung, der Frivolität und selbst bei den besten: das Allzupersönliche (was sich in früheren Jahrhunderten in der sogenannten „Schule“ ausdrückte, das Meisteratelier). Die „keusche Majestät“, die mir vorschwebt, ist genau die Abkehr von all diesen Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, daß ich immer zu sehr von einer formalen Abkehr geredet habe, während sie nur im Lebens-Gefühl vor sich gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht, auf dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen; z. B. den Aphorismus über das Was und Wie. Deutlich genug rede ich hier, daß nur der Inhalt (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das Wie ganz gleichgültig, oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes (Gefühles). Im Grunde stehe ich mit meiner Sehnsucht von jeher auf diesem guten Boden; immer träumte ich von unpersönlichen Bildern; ich hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar nie das Verlangen z. B. die Tiere zu malen, „wie ich sie ansehe“, sondern wie sie sind, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen). So vieles in mir kommt Deinen Ideen entgegen, auch in den Aphorismen; nur hab ich mich sehr mangelhaft und unfertig ausgedrückt; es fehlt in ihnen der innere Drehpunkt; ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar geworden, wie ich alles sagen müßte.
Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der ganz das ist, was ich wollte. Schönen Dank. —
Über den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir einfach flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinäres und Dummes zu nehmen. Artikel II kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden, wenn er nicht gedruckt wird. Die Gedanken über das Europäertum sind halb; wie Du ganz richtig sagst: auch noch zu sehr hinter dem europäischen Zaun, und eigentlich nicht meine Sache. Das ist mir der Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. —
Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl „unpersönlich“ und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden Gefühls ist ein Schema der direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da dieses Schema aber von tiefen, intuitiven (Volks-)schöpfungen abgeleitet ist, behält es für uns doch noch einen gewissen Kunst- und Gefühlswert. Du weißt, warum ich mich oft so sträubte, schwache aufzuhängen. —
Wir haben momentan äußerst unruhige und schwere Tage, — Du wirst es an der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine tiefe Zustimmung ausdrücken. Ich verarbeite und erlebe diese „Erneuerung im Geiste“ mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem möchte ich Dir einmal über die „Natur“ schreiben (die letzten Aphorismen). Hier handelt es sich mir nur um das Lebensgefühl, das Wie ist mir dabei ebenso gleichgültig als unklar, — es wird kommen, wenn ich in diesem merkwürdigen Gefühl male. Wenn ruhige Tage kommen, versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich kann, gerade weil es sehr und ganz Gefühlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt der armen Natur gegenüber.