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Dein
Frz.
12. 4. 15.
L.,
Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender erscheint mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den Aphorismen die Wahrheit an allen Seiten, ohne jemals das „Eigentliche“, Wesentliche zu sagen; sie bedeutet eine völlige Abkehr im Sinne des Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn die ganz vollzogen ist, kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll genug sind, um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird es nicht der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser gesagt: sie würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die reinliche Zurückhaltung, das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren abhalten. Nach diesem edlen Maßstab gemessen bleibt von der gesamten europäischen Kunst äußerst wenig übrig! Der entwicklungseitle Geist der modernen Jahrhunderte war der Kunst, wie wir sie träumen, allzu abhold. „Kunst ist nur ganz selten da“. Ich denke viel über meine eigene Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch bisher nicht schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl für das Animalische, den „reinen Tieren“ wegleitete. Der unfromme Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum Abstrakten, das mich noch mehr erregte; zum zweiten Gesicht, das ganz indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl ganz rein klingt. Ich empfand schon sehr früh den Menschen als „häßlich“; das Tier schien mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel gefühlswidriges und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv, aus einem inneren Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume, Blumen, Erde, alles zeigte mir mit jedem Jahr mehr häßliche, gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich die Häßlichkeit der Natur, ihre Unreinheit voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat unser europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich ja von einem neuen Europa, — aber lassen wir Europa aus dem Spiele; Hauptsache ist mein Gefühl, mein Gewissen, wie Du sagst. Mein Gewissen sagt mir, daß ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen richtig und zwingend fühle; und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl ausgehe, sie mich nicht mehr angeht und berührt wie die Kulissen eines Theaters, mit der man eine Dichtung, drapiert. Die Dichtung selbst stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen; und will ich sie ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten, sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen gibt? Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er gefunden worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder verloren worden! „Nichts konnten wir zwingen damit“, — das wollte ich sagen, die relative Erfolglosigkeit jenes frühen Sieges wollte ich mit jenem Satz ausdrücken. Kandinsky ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit nah auf der Spur, — darum liebe ich ihn so. Du magst ganz recht haben, daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist, sodaß seine Gefühle nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich nervöse, romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und voll einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche, abstrakte Form nachdenke; ich suche im Gegenteil sehr gefühlsmäßig zu leben; mein äußerliches Interesse an der Welt ist sehr keusch und kühl, sehr durchschauend, sodaß das Interesse sich nicht in ihr verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives Leben führe, um dem reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung zu geben. Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte Produzieren; das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; ich hab oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und befühle es zuweilen von außen. —
Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch.
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Dein Frz. M.
13. 4. 15.
L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist sehr alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen, besonnenen Stil; die Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt sich aber natürlich nie nachbilden, da sie stets so vollkommen dem jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß man nie zwei gleiche oder nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried und wie wir das Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon ab, ob wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab ich sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist ganz erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen der Frühling mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als je in die Blumen und Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an, irgend ein Gefühl von Mitleid ist immer dabei, eine Art Mitwissertum; man sieht sich einander an, stumm und mit der Geste: „wir verstehen uns schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide stammen alle von ihr und kehren einst zu ihr zurück“. Mit Menschen kann man fast nie so verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht noch bei Klee; — — — — —. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu sein; aber ich muß erst etwas von seiner eigenen Musik hören, auf die ich furchtbar gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr produzierender Charakter (— es steckt wie eine Krankheit in mir), daß mir harmlose Güte im Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und ruhiger werde; mir wurde bei meinen Gedanken über K. so viel wohler, als Du schriebst, daß er ganz produzierender Mensch sei und sich quält, — dann geht es schon immer besser im gegenseitigen Verkehr. Ich werd ihn sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! Wieviel hab ich heimlich um * * * gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten mußte! Mit Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht mehr. Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch innerlich fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich jetzt an ihn zurückdenke, verrät es. August’s Tod ist eine unersetzliche Lücke für mein Leben. Seine Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir herüber, — aber der Mensch!! Er war meine „Erholung“ im Jahr. Wenn er da war, hatte man „Ferien“! Was wohl aus Lisbeth wird? — — — — — Wenn nur * * * glücklich wiederkehrt! Das Schicksal abenteuert wirklich sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses Herandrängens an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das Ich erwacht und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen Finger oder Arm verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen Tragödie. Aber die Toten sind unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg kein Dichter und keine Musik hervorgeht, dann gibt es überhaupt keine mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf und meinst: ich fasle; aber ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht ist es auch so, daß ich ihn nicht anders sehen will oder kann; beim Anblick dieses Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht kurzsichtig an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach dem Geist, der das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist.
Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird hier nicht mehr lange dauern.
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