L., dank für die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was Ihr von Rußlands gefährlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein; was Rußland heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen Friedensverhandlungen glaub ich nicht; aber ich glaub, ich schrieb Dir schon einmal: ich laß mich gern — überraschen. Von der Stimmung im Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben — „Belagerungszustand“, — Belagerung der Seele, des Gemütes, des Leibes, — alles. Verlier nur die Freude am Garten etc. nicht — das hat doch auch keinen Sinn. Gegen Mäuseplage im Garten streut man am besten Giftweizen. Ein Hund rührt ihn nicht an; in die Löcher streuen, damit die Vögelchen nicht dran kommen. Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Kätzchen an. Ich bin entschieden dafür, Welf wegzugeben.

30. IX. 15.

L.,

der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es doch die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergnügt gehabt, so daß es keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit schmerzte mich darum tiefer, weil ich immer dachte, es hätte noch viel gestreichelt und getröstet werden müssen für sein Kinderleiden. Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich könnte auch nicht mehr machen als Du; ich weiß ja, wie hilflos wir damals in Planegg vor dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatz dieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz richtig. Außerdem muß man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff der Würmer. Darüber weiß ich gar nichts. — Heut kam auch Dein Paketchen mit den Socken, Handschuhen und einem Paar ganz famoser Pulswärmer, die mir sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wärmer halten als die kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb; solange ich hier im Kasino esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt, und da ich ja fast nichts trinke, genügt mir meine Löhnung so ziemlich. Mir macht ein bißchen zu sparen gar keine Schwierigkeiten; jetzt, in diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab wenigstens keine Lust. Meine Beförderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit noch zwei (* * * und * * *) schriftlich damit einverstanden erklären müssen; die beiden mußten sich als Reserveoffiziere außerdem zu drei achtwöchentlichen Übungen verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zu einer auf die Dauer bis zu acht Wochen (— — — — —). Ob wir nun vorerst Offiziers-Stellvertreter werden, wissen wir selbst nicht. Prüfung wird wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich glaube nicht, daß man mich eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht für dauernd. Unsre Kolonne wird jetzt stark vergrößert (24 Jahrgänge) und muß noch einen Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr recht wäre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese Beförderungsgeschichte schon sehr angenehm.

Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie können unsre Stellungen da und dort in Trümmer schießen, sodaß man mal zurück muß, aber werfen können sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind immer beiderseits. Wie mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er stand nicht weit von der Haupteinbruchstelle.

Betreff Welf magst Du recht haben; später gebe ich ihn aber sicher weg. — — — Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien heut auch eine lange Rede über mich. Wenn das doch endlich aufhörte. Es ist mir so fad und alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder selbst auch; ich kann mir, auch die guten, kaum mehr vorstellen. Behalte diese ganzen Besprechungen. * * * braucht sie nicht, glaub ich; oder wirf alles weg. — Du sollst keine Kopfschmerzen haben! — Das Russisch-lernen macht mir Spaß. Du solltest diese Worte hören! Dieser Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber blödsinnig schwer; ich werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist wenigstens eine abstrakte Beschäftigung wie das Schach,

— — — — —
Dein Frz.

1. Okt. 15.

L.,

von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen Koffer, den ich mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer mit Eisenbeschlag), in den viel hineingeht. Ich schrieb Dir schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung zum Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die ministerielle Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das Angenehmste ist obendrein, daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche weder eine Prüfung zu machen, noch Referenzen einzureichen. (Dies mag vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich einmal erwähnte, daß Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) — Schick mir mal den Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. — Als Offiz.stellv. habe ich monatlich — — — — — viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen kannst Du jetzt wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial und was sonst fürs Häuschen nötig ist, knausern; auch nicht mit München fahren, soviel es Dich freut. Hilf auch * * *’s aus, wenn sie es nötig haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen einmal, wenn ich das Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; was meinst Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und sollten das wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember kannst Du auch sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls. Erstens werden da event. dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr so traurig bewahrheitet haben, umgehen, andrerseits werden, wenn kein Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das Urlaubsvorrecht beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan ist jeder Urlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als Offizier ganz andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine Bitte: bestelle — — — — — Nun genug von diesem Militärzeug!