Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen. Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und Schlick durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr energisch, daß die Tierchen vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich mir, man pflanzt einmal auf der langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und kleine Tännchen und zieht einen zweiten Innendrahtzaun. Ich glaube diese eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite dann eventuell nur die Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht hübsch aus und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegen Sicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man macht sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den kürzeren. Es wird ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles Angepflanzte immer Gewinn. Wir müssen unser Leben in Ried so einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit den Bauern haben. Wir können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß sie uns auch die Tierchen nicht stören können.
Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand. Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die Offensive endlich ausgebrochen ist, — die Hoffnung, daß sie die Kriegsentscheidung bringt, ist doch wieder sehr lebendig geworden. Die Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber niemand sieht einen anderen Ausweg; der Einzelne natürlich, aber nicht als Volksganzes; da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von heut auf morgen auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser Land. Nötig dazu wäre eine Verständigung von Volk zu Volk, — aber wie eine solche heute anbahnen? Man darf über das alles nicht leichtsinnig und dilettantisch urteilen. Ich halte die Dinge streng auseinander; dem rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant in die Räder greifen wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht zur Quelle des Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück.
Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft. — — — — —
Dein
Frz.
2. X. 15.
Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie ist schon sehr fein, aber sie hat mich doch nie ganz gefesselt, ich weiß nicht, woran es lag. Der schöne Vers von Rilke ist ein echter Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl eine Manier durch, die seinen zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht nimmt. Ist Novalis interessant? — Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! Diese lange, lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu sagen, keine sanften pastoralen Klänge. — Grüße alle! Mit liebem Kuß
Dein
Frz.
5. X. 15.
L.,
wenn sich die Rehchen strecken, ist es ein sicheres Gesundheitszeichen; das gilt auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im Kot nachweisbar; wenn Du keine findest, haben sie auch keine. Doktor Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich kenne die Besprechung in der Frankfurter Zeitung. — Lisbeth sandte mir wieder ein Paketchen, ich lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch das Lebendige, Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm darum zu überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält einen gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller als die reifsten Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder Kokoschka, — selbst wenn mir letztere vorübergehend genußreicher und lesbarer sind. Ich würde mich nur freuen, wenn Du es unternähmst * * * direkt oder indirekt zu antworten; auch wenn es beim Versuch bliebe. Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. Die Sprache ist doch ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich schon Genuß und Gewinn ist.