Fortsetzung. 6. X. 15.
Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies es auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme Journalistik; aber liest man weiter, gerät man immer wieder auf Geist und Sinn. Die Darstellung des fridericianischen Problems ist sehr interessant. Vieles des heutigen Krieges wird klar, wenn man das weiß, was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man muß alt werden, um einigermaßen zu erfassen, was für eine sonderbare Art von Tier der Mensch ist, „la bête humaine“, wie Zola so gut sagte. Schick mir das Buch zurück, es gehört * * *.
Jetzt spielt die Entente ihren gefährlichsten Trumpf aus, — am Balkan!! Da drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug waren unsere Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die Welt zu erklären. Wir haben Himmel und Hölle entvölkert, bilderstürmerisch, — aber auf Erden, in unserm Blut, leben dieselben Kräfte fort, für die wir jene klassischen Symbole schufen! Die Kunst wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen münden; man wird mit dem Leben und dem Rätsel: Mensch so leicht nicht fertig.
Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. — — — — —
Dein
Frz.
9. X. 15.
L.,
ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer bläst, mit ihrem Hund, nicht erschütternd? ein Schicksalsbild des armen Frankreich. Unser Leben ist umgeben von solchen Bildern. Ich kenne für mein Gemüt nichts Fürchterlicheres als den seltsamen Blick dieser alten, über alle Vorstellung vereinsamten Greise und Großmütter Frankreichs. Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen Traurigkeit. Helmuts Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glück und kommt durch; ich wußte ja, daß dieses Gemetzel im Westen kommen würde. Es hilft kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den paar Regierungsmännern die Verantwortung für dies Inferno zuschieben zu wollen. Jeder einzelne ist genau so schuldig. Was versteht der einzelne unter „Frieden“?? Das begierige Wiederaufnehmen desselben friedenswidrigen sündlichen Lebens und Strebens, das diesen Weltbrand erzeugt. Die Axt muß an die Wurzel gelegt werden. Ich finde, Du redest Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen ganz falschen Demokratismus hinein.
Ich verstehe wohl, daß Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, — ich zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fühlen könntest, gar in Berlin!!! Das würde für Dein Gemüt katastrophal enden; Bonn — vielleicht; erholen würdest Du Dich auch dort kaum. — — — — —
Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal wieder die Photographie von unserem Häuschen und schicke sie mir. Ich werde hier so oft drum gefragt, wie es aussieht — etc.