Nun Schluß.

Mit vieler, vieler Sehnsucht

Dein tr.
Frz.

13. X. 15.

L.,

wie schön ist das kurze Gedicht von Lasker-Schüler auf Senna Hoys Tod; sie ist doch eine große Künstlerin, deren Stärke immer wieder über ihre großen Schwächen triumphiert. — Symptomatisch interessant ist der jetzt (im selben Blatt) lanzierte Artikel über die D. G. G. In diesen Tagen vollzieht sich, meine ich, der entscheidende Umschwung, — das Ende des Krieges wird mit Riesenschritten nahen, das seh ich jetzt voraus. Ich bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch in Serbien ist vom deutschen Heere in so beispielloser Stärke seit Monaten vorbereitet, genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. — — — — —. Ich halte es nun doch für wahrscheinlich, daß wir Frühjahr 1916 das Ende erleben werden, — wenn nicht sogar etwas früher. Die Ratlosigkeit der Entente am strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. — Bei uns hat es ja fast den Anschein, als wollten wir das lange oder dicke Ende dieses Krieges schön gemütlich in Haumont abwarten! Ich reite jetzt viel für mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen Haumont und Hattonchâtel und St. Mihiel ausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glühend wie einst am Thränenhügel! Ich habe mir ein hübsches neues Pferd herausgesucht, eine hochrote Fuchsstute „Eva“. Ich kann jetzt gottlob ohne zu fragen und wohin ich will, meine Ritte machen; den ewigen Druck des stündlichen Angebundenseins bin ich jetzt doch etwas los, — angebunden bleibt man natürlich immer! Also wenn Du Dir mein Leben vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam durch die Herbstwälder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine Hanni mit 2 Kitzen!) Außerdem sind seit gestern 3 Kraniche hier! Hauptsache grau, weiße Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was es für Kraniche sein könnten, ob Jungfernkranich oder eine andre Art. Reiher sind es nicht; Reiher und Störche tragen im Flug den Hals anders.

Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr prompt; dank für die guten Fläschchen! Strümpfe habe ich jetzt mehr als genug, schick auf keinen Fall mehr. Mit warmen Sachen bin ich jetzt überhaupt vollkommen versorgt. Wegen weicher weißer Hemden, also mit anderen Worten: etwas Offizierswäsche schrieb ich Dir schon; wenn Du nichts mehr findest, kaufe nichts, — ich besorge es mir ganz einfach in Metz. Morgen — übermorgen bin ich auch dort, nehme ein Bad und dergl.

— — — — —
Dein
Frz.

16. X. 15.

L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit über das ägyptische Schattenspiel, das „Krokodilspiel“, — sehr anregend; ich bin eigentlich sonst zum Lesen ganz unfähig, höchstens so ganz ausgefallene, unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles andere scheint mir so fatal bekannt, voll europäischer Tendenz und unnötig, „ohne Not“. Ich müßte jetzt bald arbeiten können, — das Lesen hat jetzt keinen Sinn für mich. Über das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen Möglichkeiten. Über meine Abkommandierung hab ich noch nichts weiter gehört; hoffentlich verschiebt sie sich noch eine oder zwei Wochen, schon um des wunderbaren Herbstes willen, — das Reiten ist jetzt zu schön! — die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube, wir bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut.