Gestern kam ein Päckchen mit Honigkuchen von unserer Babette, — sie denkt doch immer treu an die großen Buben in Pasing. Jetzt kommt wohl bald Advent, — diesmal können wir Dir keine Zweigelchen übers Bett stecken, das wir in friedlichen Jahren so — oft vergessen haben! So denkt man jetzt oft zurück, was man früher alles hätte tun können!

2. XII. 15.

L., — — — — — —

Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch richtig definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, weiß ich ja auch nicht. Gehört hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es sie sicher; sowie es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine neue Bilder gibt. Vielleicht sind schon welche da, — wir sind nur noch nicht zur klaren Entscheidung reif, welche es sind und wo die besten Ansätze stecken; ich halte das für sehr gut möglich; denn wir übersehen heute in dem großen geistigen Gewühle, in dem Europa steckt, durchaus noch nicht die wahren Linien und Formen. Vielleicht sind die Ansätze in der Malerei prominenter als in der Musik, — aber auch da werden sie sein; man muß nur sehr scharf horchen, — nicht in Konzerten, sondern nach innen horchen, sowie man die neue Malerei nicht in Ausstellungen suchen darf, sondern auf der Straße, im Leben und in der Nacht. Ich sehe sogar deutlich die neue Musik, den ganzen neuen Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch wir können heute unser Geschick und die Wahrheit in den Sternen lesen, — es kommt nur darauf an, wie man sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei oder irgendwelcher mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung und Erfahrung heraus. Natürlich kann man dasselbe im Tageslicht, in der Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind hören, — es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer, unzerstörter, unverwischter, abstrakter und klarer gesagt. Wenn man einmal drin sehen gelernt hat (für Musiker z. B. das Tempo, in dem die Figuren auftreten, gebunden sind und gegeneinander singen) hat man hier eine unerschöpfliche Anregung. Ich gehe oft mit Sternbildern im Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und dem schlechten Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben wirklich nichts andres im Kopf als persönliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses gerichtetes Strebertum; ich spiele eine unmögliche Figur hier, — das „Unmögliche“ liegt vor allem darin, daß die anderen dies gar nicht so empfinden; man respektiert mich sehr, auch als Offizier, aber alle denken, ich müßte doch auch irgendwie ein bißchen wie sie empfinden; sie wundern sich dann immer, daß ich mich über dies und jenes „nicht ärgere“. Sie können nicht sehen, daß ich überhaupt gar nicht da bin, — noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich stehe. Ich muß mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre Bank setzen, um zu vermeiden, daß sie meinen seelischen Abstand fühlen und sich dadurch gekränkt fühlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein ganzes Bestreben geht nur dahin, daß sie nicht merken, wie dumm dieses Verhältnis zwischen uns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und die bewußte Täuschung des Nächsten die einzig anständige Lebensform, und nicht das: „die Wahrheit sagen“, jene fürchterliche, seelenkränkende Manie mancher Wahrheitsfanatiker.

Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was ähnliches wie das, was Du in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete vergleichst, wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe meine.

Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte. Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet sich wohl sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt bei Artillerie- und Minenkämpfen, — die Infanterie wird nicht eingesetzt. Und die Artillerieduelle sind meist demonstrativ, Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und weiterreichende taktische Absichten.

Baron * * * hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie in einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte mich recht auf seine Gesellschaft gefreut.

Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden zu sein; bei diesem elenden Wetter, — Haumont schwimmt schier weg — wäre es nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch gleich, wenn man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren muß. Für den Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten selbst, die nicht zu kommandieren brauchen und in ordentlicher Bewegung bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen am Exerzierplatz hätte ich nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie ich auch in unserm Kurs meinen innerlichen Spaß hatte.

Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die Zeiten, die für uns noch blühen werden.

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