Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so: von dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger Brief schon in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein Gewissen fühle: meine Arbeit; nicht mein Leben als solches; ich kann gar nicht anders meine Unvollkommenheiten und die Unvollkommenheiten des Lebens überwinden, als indem ich den Sinn meines Daseins ins Geistige hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen Leib Unabhängige, d. h. Abstrakte hinüberrette. Es ist nicht eigentlich das spätere Leben, das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich. Ich bin allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, — er erscheint mir sehr natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß ich doch auch vorher einmal gestorben sein, — denk an die Blumen! Es ist von einer rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem Leben verstehe ich: das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke subsummiert unter das Unwesentliche mehr als der Schwächere. Ich werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen, — das Schöne bei diesem Thun ist das, daß das Wesentliche dabei nicht kleiner, enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger. Lies sehr aufmerksam im Quint, — da steht alles außerordentlich fein und tief gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das „letzte Wort zu reden“; — Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu suchen, nach einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, — die gibt es nicht; so wenig man Kunst mit Worten erklären kann. Man kann schon reden, aber man muß sich stets der Grenzen bewußt bleiben, über die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in seinen dummen Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und wir unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie ich das alles meine, — es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz unmöglichen Verhältnisse, in die der Krieg meine Persönlichkeit geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken gerade durch ihren Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur Entscheidung gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen Rußl und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum Heufressen nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen.
5. XII. 15.
L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche über die geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern kleinen Spaziergang ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken Gesteinfalten. Dort gehen wir sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die Leute einmal eingesehen haben werden, daß bei dieser ganzen Schießerei doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. — Das Verrückteste an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicher St. Mihiel. Die Stadt liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg! Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein einziger Schuß, der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische Kanonade unsrerseits auf Commercy u. a. Orte aus, daß die Franzosen es auch vorziehen, uns das Vergnügen an Mihiel mit seinem Kaffeehaus usw. zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nur bei Nacht zu gewissen Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), beunruhigt, vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mit Damenbedienung ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach Hause gehen. So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel unsicher. Ich erkundigte mich letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er eigentlich ruhig arbeiten könne. „O ja“, hieß es, „der wohnt ja in der rue soundso nach ‚hinten‘ naus.“ Hinten ist nämlich bei uns so viel wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt „Perle“ bleibt ja weit hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber in St. M. ist sonst vollkommen dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber dafür auch gegen Alles gleichgültige Stimmung wie in „Perle“; selbst dieses traumhafte „nicht Fort-Können“ für die dort in Unterkunft befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal Kubin sehen solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das Leben ist über seine Phantasie gestiegen.
Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich gute Wäsche thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen. Das Wasser ist trüb; dann schlagen sie die Wäsche, als müßte sie in Fetzen gehen. —
Beiliegend Brief von * * *. — — — Vielleicht freut sie mich wieder mehr, wenn ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden oder verstehen wollen; das thut mir um * * * leid, den ich eigentlich sehr gern habe; ich seh merkwürdig stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch so altklug, menschenkennerhaft und „langweilte“ mich überall. Meine Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie auch steifer waren, — ich machte im Gegensatz zu * * * höchstens eine kleine Zeichnung pro Monat! Aber es ist etwas in * * *’s Gesicht, was mich und meine Knabenerinnerungen und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm liebe. Ich hatte meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige, philosophische Mensch! Und * * * hat gar keinen Vater!!
6. XII. 15.
L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum ausgeträumt. Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein kurzes kleines Leben eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefühl nicht los, daß es doch nur ein Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein andermal ein Menschentraum; aber das, was träumt, das Wesen, das ist immanent, unzerstörbar. Ich hab in diesen Tagen auch einen so merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigste und dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger Schimmel, ein richtiges Pegasuspferd der Sage, ist plötzlich an einer Blinddarmentzündung (es waren Würmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam ganz unerwartet; es war kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden hatte es große Schmerzen, stöhnte und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte dabei das Gefühl, daß es aufseufzt wie ein Mensch, den man aus einem lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf lag ein plumper, häßlich verfallender Pferdeleib vor mir, — der Pegasus war fort, — man hatte nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ, — da fiel mir das ewig denkwürdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein: „Laß die Toten ihre Toten begraben!“
7. u. 8. XII. 15.
L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest verschlägt. Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen diesmal „rechtzeitig“ ankommt. Ich glaub’s kaum, nachdem wir wieder „auf Reisen“ gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn Du was weißt, kaufst Du Dir es schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und unser Wohl trinken. Seit Baron * * * wieder die Kolonne führt, bin ich sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten.
Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare, Hoffmann, Dostojewski oder Hölderlin lesen will), — so lies Fabre, Bölsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders), Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als Nationalökonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge, geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, die zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: Naturgesetz ist bei mir längst aus dem Kurs; es gibt höchstens „Gesetz-mäßigkeiten“; die Periodizität alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europäische Denkungsart und auch nur „Anschauung“. Man kann sein Vorstellungsleben gar nicht weit und immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt sein will und Teil haben will am — Reich Gottes, am heiligen Geist. Der Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im Leben zeigen, muß es ja. — — — —