Gemütlich-Leiningen,
16. XII. 15.
L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens schreibst. Du mußt letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen. Wenn dieses Spiel nicht von Liebe getrieben ist, ist es natürlich unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden wird, eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau. Die Menschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch * * *, — denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich Wort und Gefühl ohne weiteres. (Aber in rein künstlerischen Dingen stehen wir auf ungleichem Niveau, — darum können wir zusammen gar nicht über Kunst reden; entweder schweigen wir oder spielen auch gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über mir, so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen zurufen, daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht, bedeutet schon längst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für * * * chinesisch, — also rede ich (weil ich in diesem Falle der Überlegene bin) in ihrer Sprache; die bedeutet für mich natürlich Unsinn, — aber für * * * hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon kürzlich einmal: man darf sich nicht zuviel auf Worte verlassen; es gibt nichts Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen, Gültiges zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich der Kunst geschehen und da heißt es: „wer es fassen kann, der fasse es“. Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit der Sprache getrieben; sie ist so recht der Münze gleich, mit immer wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt’s Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug benützen wollen, um die — Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des Wortes bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem Klang, der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag ich in allem Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch bedient sich der Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden Dingen, die er dann als „Ideen“ in Kurs setzt. Man sollte viel weniger reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. Dichter und Propheten können ihre Stimme erheben und „reden“, — die haben ihre Sprache für sich, die prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. außerpersönliche Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen gegen das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne „Tendenz“ gebraucht, ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für unsereins ein ungeeignetes Material um Wahrheit um uns zu verbreiten.
Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, — wie war es eigentlich möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich weiß wenig von Mozarts Leben, — vielleicht leiht mir K. einmal eine Biographie von ihm, — ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir keine, — ich lese so etwas einmal und bruchstückweise und dann niemals wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fällt mir ein: schick mir doch französisch Stendhal: vie de Mozart, Haydn und ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe (80 Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen.
Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, — er wird die Kälte nicht ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem Forstbuchhalter, daß Du nach einem Böckchen suchst, — so Leute wissen immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, — wenn ich zurückkomme, würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein. Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag’s auch Bauer und dem Bruder Heinritzi, — ich glaube er ist Jäger; und setz ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, — da hätte die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das Mutterschaf sehen, ob es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B. wunderbare, verhältnismäßig schlank, mit schöner glatter Wolle und schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.)
Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen Spiels auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am Schluß geblieben, — das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern seelig-glücklich gespielt, — so wirkte er und auch manche Stellen im Brahms auf mich, während ich * * * aus der Kreutzersonate in Erinnerung habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zu Pugno, von dem ich sie zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt.
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Frz.
Straßburg 20/21. XII. 15.
L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und träumerisch, — erst recht dann der Nachtbummel durch Straßburg. Es ist etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich in eine Großstadt versetzt zu werden; (— München wirkt nicht so unmittelbar auf mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch, unwahrscheinlich, als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da. All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich ein Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin’s Perle so gut! Er hat dies alles glänzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders melancholisch, — die Kunst wird von diesem Tod nicht getroffen. Aber in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nämlich gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden; aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur kleinsten Kleinigkeit entschließen, — ich konnte Dir doch nichts Totes schicken. So gab ich’s auf und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken und schenken kann, als meine Liebe, meine lebendige warme Liebe, an die Du glauben sollst und glaubst, das weiß ich — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —! Tröste wir uns beide! Es wird schon wieder alles gut für uns!
Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich wieder ein Wägelchen erwartet!
In Liebe
Dein
Fz.