29. XII. 15.
Daß das liebe Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, — ich war Weihnachten so sehr mit den Soldaten beschäftigt, daß ich für mein Weihnachten am 24., 25. überhaupt keine Zeit fand. Am 25. hörte ich ein ganz nettes Konzert in Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet, das ein paar Opernsänger und Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und Andante von Händel, eine schmucke geistreiche Musik, mehr blendend und voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach gespielter Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, — vermutlich Cornelianer; es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit großem Reiz.
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Laß Dich nie von der Traurigkeit überwältigen, — traurig sein und sehnsüchtig wie ein Adagio ja, — aber Form muß man im Inneren behalten.
Der Brief muß weg, darum schnell Schluß!
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Fz. M.
Neujahr 16!
Liebste, gutes liebes neues Jahr!
Also heut läuft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist um das blutigste Jahr ihres vieltausendjährigen Bestehens reicher. Es ist fürchterlich dran zu denken; und das alles um nichts, um eines Mißverständnisses willen, aus Mangel, sich dem Nächsten menschlich verständlich machen zu können! Und das in Europa!! Man muß wirklich alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichen Psychologie der That fertig zu werden und sie nicht nur zu hassen, zu beschimpfen und zu verhöhnen oder zu beweinen, sondern ursächlich zu begreifen und — Gegengedanken zu bilden.
Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein bißchen Frühlingsluft, in der die Neujahrsglocken ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht ungern in dieses Jahr, — mein Optimismus ist unzerstörbar; Mangel an Optimismus ist Mangel an Wunschkraft und Mangel an Wille.