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ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich kenne, verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man kann wirklich mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er begegnet meinen eigenen Gedanken sogar so sehr, daß mich in seinen Anschauungen nichts aufregt oder gar zum Widerspruch reizt. Damit sage ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen Leben und Streben nie abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre; aber heute ist mir dies alles so klar, — der Krieg hat alles so klar gemacht. (Es ist wirklich traurig, — man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!) Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das schöpferische Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem erkannten Mangel (wie z. B. Strauß’sche Musik und auch * * *’s Arbeiten. Bei * * * denk ich oft: ja, ganz schön, — wohin gehören wohl die Sachen? Welche Lücken können sie heute ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, — Lebensausstrahlung.)

Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir nach wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte überraschend weit ausstrahlen (Eigenart slavischer Genies), ohne darum ein ganz wichtiger, dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; — er ist auch kein Klotz wie Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seine Toleranz nicht mißverstehen; — ich habe aus den angestrichenen Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich meiner Toleranz und Wichtignahme nicht wesentlicher Erscheinungen) das thust. Es kommt wie immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem heraus etwas geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar von ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem Reichtum. Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen meinen Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich achtlos daran vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen verleugne. Große fertige Werke der Weltmitte interessieren mich nie speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo oder Goethe) aber ein kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter armer Kubist kann mein ganzes Innere in Bewegung bringen, — ich beginne daran zu arbeiten. Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky’s „Verstehen“. Die Menschen, die nur am Besten, am „schlechthin Gültigen“ sich entzünden können, sind unproduktive, nicht aus der „eigenen Mitte“ lebende, sondern nach-lebende Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u. 13) meint: „Unfähigkeit zur Anverwandlung und Verarbeitung der zudringenden Materie.“

Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert (Seite 32 u. f.), wo er über das Volk schreibt. Ich wurde mir ja nie ordentlich klar über diese Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es gibt eben den Begriff Volk in Europa nicht mehr; man muß sich nolens volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser Thatsache sind damit natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern einmal mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und restlos in dieser Kriegszeit begriffen.

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Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf.

Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen Peripheriemenschen treffen, — hab nur keine Angst davor. — — — — —

Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt anregende Dinge, vor allem über Sokrates und Plato.

Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den Sonetten von Shakespeare zu fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen, — es ist mir zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine andere Übersetzung empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal zu leihen oder wenn sie billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich bin allerdings sehr skeptisch gegen Übersetzungen. Ich kann ja auch Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat für die Bibel und Schlegel für Shakespeare alles vorweggenommen, — meinetwegen eigenmächtig vergewaltigt, — aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen, kann später über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit den Ritterbaumgarten-Bildern von Dürer: die nachdürerische Übermalung war uns Deutschen tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt als die jetzige Purifizierung.

Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs „Normal“ (Seite 31). Mich freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische, überhaupt Gundolfs souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten „Normal und Volk“.