Über den Kern des Artikels: „Leib“ kann ich Dir heute noch nicht schreiben, vor allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich einen glatten Einwand gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht alles gesagt. Askese als „Hygiene des übersättigten Leibes, nicht seine Aufhebung“, — das scheint mir mehr historisch-psychologisch richtig, drückt aber nicht den geistigen Sinn der christlichen Entsagung aus; es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und Rationalismus in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als Verlegenheits-Phrase auf: S. 33 Mitte: „Das Schöne ist ein Urphänomen und besteht als Überfluß“. Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß (und bis dato weiß noch niemand etwas darüber zu sagen), — wozu leere Worte gebrauchen?

Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen, — also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht. Ich war nie frühreif, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren Lebendigeres zu leisten als mit 20 und 30.

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Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher, oft viele Stunden.

Dein
Frz.

14. I. 16.

L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus meinem Aphorismus; — so entschwunden diese mir heute sind, werde ich bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen Wissenschaften, die sich zur „angewandten Wissenschaft“ mißbrauchen ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der Organe, — der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren, umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal.

Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des αγων, des Wettkampfes, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht „erklären“, aber auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an, seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren, Herr zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der christlichen Religion machten, — das war auch „angewandte Religion“!) Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen Lebens und der eigenen Aufgabe rein bleiben oder sagen wir offen: wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, — er widerspricht sich hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein, „wo’s fehlt“, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus, und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei. Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir „verstanden“ werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, — nur so kann man seiner Zeit oder einigen Seelen „vorangehen“.

Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen, hartnäckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wäre dort das letzte Wort gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, — insofern behältst Du betreff * * * wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr loszulösen. Fast bei allen Menschen, denen ich in diesem Krieg nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es anzuwenden, sie wollen es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.

Ich las letzthin in Luthers Tischreden, — köstlich!! Er ist das schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther berückend stark und klar.