Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm’s nicht zu tragisch, wenn ich Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja klug genug, die Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch zu sehen. Ich dränge aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer tapferen Fröhlichkeit trotz allen Leides; solange das Blut in einem pocht, muß man an’s Leben glauben und sich nicht mißtrauisch separieren; und Dein Wort: „ich kann nicht“ ist schließlich graduell wie alles im Leben; etwas weniger — etwas mehr, — das ist das Geheimnis des Wartens, Wartenkönnens und der Sehnsucht; der Stolz muß im Menschen siegen über alle Dinge, nicht die indische Trauer.

Daß ich den Krieg als Gesundungsprozeß wie jede (auch die tötlichste) Krankheit ansehe, hat ja natürlich nur den Sinn, daß ich auch den Krieg nicht als solchen angreifen und vertilgen möchte, sondern seine Ursachen. Der Mensch stirbt nicht an der Krebswucherung, sondern an dem tötlichen Keim, den die Wucherung nicht zu überwinden vermag. Auch darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben, sonst hinken sie eben. Aber ich wehre mich unablässig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit, den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer Seele. — Man muß seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten, sondern gegen sich, und sofort damit anfangen. Nichts ist selbstverständlicher, strafgerechter als dieser Krieg. Kein Mensch sieht das, — wenigstens keiner will’s an sich selbst sehen.

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3. II. 16.

L., was magst Du bei * * *’s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß natürlich, daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem gequälten leiblichen Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und seinem Geist. Er leidet nicht, um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu büßen sondern im Gegenteil sie zu glorifizieren. Mich hat ja der Krieg das erstere gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, kann wohl einen Gewinn und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit einem neuen Welt-Verstand in’s Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist wie * * * nach dem Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität darstellen wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil, wahrscheinlich überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf den Krieg als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, auf sich selbst zurückzugreifen, — mit denen paktiere ich nicht. Du sagst ganz richtig, daß es so wenig Menschen gibt, die Konsequenzen zu ziehen imstande sind, — darin liegt’s. —

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Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw. — ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer nicht am gegenwärtigen Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr gut und scharf, aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir nicht, darum kannst du das Spezielle auch so schwer überwinden.

4. II. 16.

L., ich weiß nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen über den Krieg gesagt habe, (Krieg als natürliche Folge und insofern als gerechte, unausbleibliche Sühne), richtig verstehen konntest. Die Dinge im Leben sind so verkettet. Man kann ja zweifellos auch fragen, worin sich denn eine Folge von einer Ursache unterscheide, und ob nicht beide identisch sind oder zum mindesten gleich, sodaß man sie auch vertauschen kann. Was sie voneinander scheidet, ist vielleicht nur der Begriff der Zeit, die zwischen ihnen liegt, — und das nennt man fälschlich „Unterschied“ und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr im Menschlichen begründet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu „leiden“ als an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewiß das Leiden an den Ursachen. In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, daß der Krieg für mich, für mein Mit-leiden vorüber ist und ich längst, mit pochendem Herzen am Anfang der Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe, mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen Gedanken kann man warten ohne stündlich zu schmähen und stündlich kränker zu werden an der Gegenwart. Dahin und dort möchte ich auch Dich und meine Freunde wissen. „Meine Freunde“, — auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf will ich unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der Jahrbücher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versäume nicht, Dich zu erkundigen, was seitdem noch erschienen. Vergiß auch bitte nicht, mir den Verlag der Jahrbücher zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder heimgeschickt und will nun * * * auf sie aufmerksam machen, kann mich aber des Verlags nicht entsinnen; es ist ein mir unbekannter Name.

Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen Nebelperiode wird es jetzt immer klarer und frühlinghafter. Nach allen Anzeichen steht uns eine ziemlich harmlose Veränderung bevor, da — d. h. ich darf ordnungshalber nichts darüber schreiben und will diese Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung kann dich beruhigen.