— — — — — —
5. Februar 16.
L., ich las nochmals Deinen Bericht über — — — — — ich kann ihn mir einfach nicht vorstellen! Daß das einer der Brennpunkte unsrer doch so aufrichtig, wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung wurde, das der Niederschlag so heißen Bemühens um Erneuerung! Nun, der Krieg ist einer Ernüchterung durch — — — — — zuvorgekommen. Daß Du Dich dort grenzenlos einsam und unbehaglich fühltest, ist ja klar. Auch ich wäre nicht in der Stimmung, die Gesellschaft komisch zu nehmen; man kann sich nur fernhalten und ohne Ärger schweigen; denn es geht mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im großen: man soll nicht über einen Zustand, über das „Zustandekommen“ eines Blödsinns schmähen oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-mißverständnis blicken, auf eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Blödsinn stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schöpferisch Gestaltete bleibt, das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor sich, und was fröhlich bewußt vor sich sieht, nicht trauernd nach allen Seiten oder wehklagend rückwärts.
Dein heutiges Kärtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief, den Du, weil er „zu“ traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du keine Briefe, die Du mir schreibst, zerreißen, — Du kannst an ihnen doch nur das Papier zerreißen, nicht die „einmal gewesene und in alle Ewigkeit seiende Thatsache“ dieses Briefes, und zweitens soll ein solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens nötigen, ihm einen freudigeren Gegenbrief nachzujagen, — statt beides bleiben zu lassen.
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
6. II. 16.
L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der „Wirklichkeit“ verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem riesigen Heustadel (schönes Atelier!) gestanden und habe auf Militärzeltplanen nach Walterchens Ausdruck „9 Kandinsky’s“ gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, — die „Kunst“ war bei dieser Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die Überzeugung der anderen, — ich selbst hatte sonderbare Empfindungen dabei. Die Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck: Geschützstellungen gegen Fliegersicht und Fliegerphotographie unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen überdacht, die nach grob pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten Naturschutzfarbe (mimicry) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen man zu rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, — sehr viel tiefer geht ein feindlicher Flieger nie. Die photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher Höhe machen, werden zu Hause stark vergrößert, — dabei entdeckt man meistens die eckigen Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen zugedeckt sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild so verwirrt und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die Division wird uns einen Flieger stellen, der die Sache durch photographische Aufnahmen ausprobiert. Ich bin neugierig, wie die Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen bilden eine Entwicklung „von Monet bis Kandinsky“!
Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja nichts, was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine solche innere Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts eigentlich ärgert oder gar nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk.
Jetzt ist schon der 6. Februar, — ein alter Kirchweihjahrestag! Ich erinnere mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock und der blaue, das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, — ich „rieche“ noch jene Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und Kaulbachstraße!
Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz unbestimmte Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben wir die Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns.