2. Okt. 14.
L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett überwiesen, wo ich in sorgfältige Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht mehr Jägerkaserne, sondern Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9. Es war ganz nett, daß ich gestern in dem originellen Städtchen (noch viel mehr die Stadt „Perle“ als Insterburg) noch herumbummelte; aber ich fühlte mich nachts wieder so schlecht, daß ich mich heute einfach selbständig ins Garnisonslazarett begab und mich dem Oberstabsarzt vorstellte. Denn in der Jägerkaserne kümmerte sich kaum jemand um mich, ich hätte mich dort unbekümmert erholen können, aber ohne rechte Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus unter beständiger Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder hinauszugehen, muß ich mich ganz gesund fühlen, sonst thu ich es nicht. Seid nun jedenfalls ganz beruhigt über meine Pflege und Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder besser gehen. Der schöne Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glänzte auf einmal der Herbsttag auf. Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege voll. In den Frostnächten springen sie auf und fallen ab.
4. Okt. Sonntag.
Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen Zigarren und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet, daß unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden!!! (näheres Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen, was wir dort erlebt haben, vergißt keiner, aber froh ist glaub ich jeder, daß er von da wegkommt; man freut sich immer auf das Neue! Nun sind es gerade 5 Wochen, seit dem Abmarsch in München! Die Reise wird lustig, bis ich meine Truppe wieder finde. Das ist nämlich nicht so einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fühle mich heute im Magen um vieles besser; ich glaube, die Krise ist überwunden und ich habe kein chronisches Leiden zu befürchten, ein Gedanke, der mir gräßlich wäre.
Die Pulswärmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen.
Also jedenfalls ist des großen Krieges erster Teil für mich abgelaufen und ein neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett beginnen.
8. Okt. 14.
L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht ist. Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Städtchen; ich fühle mich unendlich wohl und sinne über vieles nach, was jetzt allmählich aus mir herauskommt. Ich glaube, meine Gedanken werden, auch wenn ich wieder draußen bin, nicht mehr abreißen; ich werde „hinter der Front“ arbeiten; das bißchen Schreiben und die Ruhe haben mir gut gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und von größerem Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das Wetter ist himmlisch schön.
11. X. 14 Schlettstadt.
Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, — sechs Wochen bin ich nun schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht es hier glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, bouc-aigle, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in Paris oder Brüssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen „Nachessen, mit Rotwein“. Es ist nicht teuer, aber ein bißchen Geld kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt, Vogesenausflug, — Straßburg etc. — Paris? Vielleicht finde ich Zeit, in Straßburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht köstlich? Ich bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe, sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch verhalten; man liest das große Ereignis zwischen den Zeilen. Das Ungesagte wird im Beschauer zum Wort. Mantegna und Bellini haben es ja noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger Meister, — ist es nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das gemalt, — gebaut ist.