[1] Filippo Mazzola, Auferstehung — und Straßburger Meister, d. Hl. Konrad von Konstanz.
11. Okt. 14.
— Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt für mich und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich will noch hoffen, daß mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich sofort telegraphiere. Ich denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel schnüren; einen Vorwand zu längerer Faulenzerei hab ich jetzt nimmer, leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es ist draußen doch tausendmal schöner.
Also von nun an wieder Truppenadresse.
Schlettstadt, 13. X. 14.
Liebste,
siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte ihn zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von Lubine) reiste und war ganz aufgeregt, da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn erwähnte. Keiner wußte auch was davon, aber jeder, dem ich ihn zeigte, mußte zugeben, daß es ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch zufällig in einer Zeitung darüber. Er scheint mir größer und klarer, als der Halleysche Komet von damals. Er steht stets in großer Nähe des Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm und denk an mich!
Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl ich selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz anderer Form und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die Sache nicht, wie Du meinst; gerade über die „exakten Wissenschaften“ denke ich jetzt viel nach und brauche sie unbedingt in allen meinen neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe wie ein Maulwurf.
Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint man komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie schlechte Faschingsscherze an. Traurig, traurig. Was wird es für einen mühevollen Kampf dagegen geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite stehen. Heute sah ich zufällig einen Atlas an, suchte mein Kochel und fand sogar Ried darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf — Aidling, Riegsee — Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!! Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich heute eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, — heute bedeutet das für mich nichts gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte, er wird für mich verloren sein. Er wird in Rußland bleiben und dort predigen; oder in der Schweiz, — ich selbst bin aber mehr Deutscher geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber kein Maler! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich ihn habe. Das sind meine Sorgen!