Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha von der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist’s ja gut, aber es läuft einem doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme Onkel H.! Er hatte sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst Du Dich, liebe Mutter, recht recht ausruhen und kräftigen nach all dem Schrecklichen, — es kommen auch wieder bessere und fröhlichere Zeiten. Bleib nur jetzt recht lang in Ried.
Seid beide herzlichst gegrüßt ....
Schlettstadt, 15. X. 14.
L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze möchte ich doch gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich milden) Angriff gegen die Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist symptomatisch doch ein ernster Fall und ich kann sie nicht gut heißen. Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute so über die „Wissenschaft“ denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich nicht zwischen moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er muß aber gefunden werden und nicht au détriment des sciences, sondern in voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, — sie ist das Fundament unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst haben werden, wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben.
Schicke Exemplar der „Vossischen“ an Köhler (mit ein paar Worten, daß ich es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute einen sehr netten Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er möchte gern, hat nur sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky sind in der Schweiz, Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir mal Kand. Adresse, wenn Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee. Schick eine Nummer an Niestlé, er schrieb mir auch heute.
Morgen geht’s wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und zu erleben. Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte aber nicht weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen will, — ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straßburg, wo ich Station mache, um über die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in die Galerie gehen und Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von dem ich jetzt scheide, sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so traulich und graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und Schwaben, — ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das Sächsische, während ich erst jetzt ein Ohr für die Originalität des Kölnischen bekommen habe, das ich sehr gern höre. Der Krieg ist nämlich die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische wirkt auch anders als daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges und ungeheuer sicheres; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. — — — — — — —
Ich warte hier jedenfalls Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. — Heut saß ich genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im Stadtgärtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum, ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage hier waren wirklich so nett, daß es für mich ein wirklicher Abschied von hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100 Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; ich muß doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals weiter in die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich bummelte durch das Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne werde ich nie vergessen. Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amüsiert man sich über solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen, wo ich weggehe.
17. X. (Sonntag).
L...., bin heute bis Gorze gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. Gorze ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche heute eine Fahrgelegenheit (Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung Chamblay. Professor O. habe ich einen Kartengruß und Glückwunsch geschrieben. — Ich muß immer an August denken! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt.