Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach St. Bénoit-Vigneulles, von da aus mit Fouragewägen südlich bis Buxières, wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein. Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo der Durchbruch und darauffolgende Einschließung von Verdun erfolgen soll.

In Eile!

Gorze, 17. 10. Sonntag.

Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach St. Bénoit, wo das Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in dieser Gegend zu sein. Denn niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzückendes friedliches Dorf zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind mit Gemüse- und Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz herbstlich, die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken, pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich Büsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnuß.

Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich jedenfalls darauf. — Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines Kapellchen und einige Grabstätten darum. Da liegen Soldaten aus der Schlacht bei Gorze 16. August 1870, es wirkte ganz wehmütig. — Hier in Gorze liegen frische Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz unthätig, — ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache unbedingt, die deutsche Sache steht gut!

Hagéville, 20. X. 14.

Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien sind außer Gefecht! Mir scheint, unsre nächste Bestimmung wird sein, irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen sich jetzt. Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, — so stark und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise schonen; er freute sich, daß ich wiedergekommen bin; er ist übrigens auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepäck etwas revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie- und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre ich jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, gute leichte Zigarren (die Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich etwas von Deinen Likören. — Man redet jetzt viel vom nahen Ende des französischen Krieges, Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es ist etwas daran. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr, alles steht in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muß. Wenn es so ist, dann ist doch denkbar, daß unsre Landwehrdivision einmal nach Hause geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche Hoffnungen zu nähren!

Hagéville, 23. X. 14.

Ach Liebste,

Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und mich äußerlich dazu stellen soll, — letzteres ganz wörtlich: die nackte Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, — und heute, wo ich von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf und stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu allem reif, zu jedem Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde! Wahrscheinlich ganz allein. Gewiß hast Du mit * * * recht. Die Not des Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche Erstlingsthat, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist. Sicher ist mir auch, daß wir ihn menschlich und „auf gut deutsch“ mißverstehen. Er ist uns im höchsten Grade fremdrassig, nur westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so „fernen“ Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu durchschauen. Du schreibst ja auch ganz richtig über * * * und ihn — Slaven; aber bei * * * darf man seine That nie vergessen.