Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt ihn ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefährdet da oben und als Infanterist doppelt und zehnfach.

Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine Photographie von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten unaufgezogen). Koehler schreibt, er habe solche Ähnlichkeit mit August. Gib Walterchen und dem Kleinen einen herzhaften Kuß von mir und nimm Du auch einen von Deinem treuen

Franz Marc.

29. I. 1915.

Liebe Lisbeth,

wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im Ganzen und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar die Hand drücken möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide weiß, das Dein Leben für immer in das Schicksal dieses Krieges verflochten hat. Ich liebe heute alle Menschen, deren Herzen mit unserm Leben und mit dem Schicksalswillen dieses Krieges mitzittern. Es gibt merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles meiden, was ihre Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die „Neutralen“ im Lande!

Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und Verehrung herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem melancholischen Hagéville geschrieben habe. Deine Idee, ihn neben dem Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist sehr glücklich. Ein solcher Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen Kunstpolemik vor dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck in „Kunst und Künstler“ habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber, wo Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K. gerne einverstanden bin, — vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall die Korrespondenz mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir und unserm Freundeskreis von August’s Wert und unserer gemeinsamen Liebe erzählen soll.

Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas über ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von seinem Besuch bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn, er leidet furchtbar unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich denke auch daran, wie wehmütig mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen machen würde und doch möchte ich so gern einmal, noch einmal August’s Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und den kleinen Wolfgang kennen lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und wie wird es dann in Europa aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme nicht mehr ganz als derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im Sturm durchschüttelt.

Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß melancholisch und ernst drein — so verändern sich die Dinge!!

Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten und wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze Familie; wenn Du einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen kameradschaftlichen Gruß von mir bei. —