Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff * * * ist lustig; ich wunderte mich selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht anders verstehen; wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei * * *. Ich kann Dir schwer raten in dieser Sache. Außer * * * käme eine Wanderausstellung durch die Kunstvereine in Betracht. Dafür müßte sich von vornherein eine richtige und gewichtige Persönlichkeit einsetzen; vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung könnte trotzdem die Bezeichnung „Von seinen Freunden veranstaltet“ tragen. Ich schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht in Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die Koehlergalerie, als Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz glücklich — es würden zu wenige hingehen. Ich schlug schon einmal Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August’s Kunst in seiner Galerie einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und Sorgfalt ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und dergleichen, Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches Zimmer würde die Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und ein dauerndes Denkmal für August sein. Aber die geplante Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, ist kein glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die Räumlichkeiten von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein unverschämtes Geld kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache stehen würde. Ich geb Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die freudige und gesammelte Stimmung für ein solches Unternehmen. August’s Bilder bleiben immer jung, — nichts, was Wert hat, hat Eile; im Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer besser.
Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle herzlich gegrüßt, auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und W. Gerhardt mit Frau.
Dein Franz Marc.
6. VIII. 1915.
Liebe Lisbeth,
jetzt ist wohl bald der Jahrestag, an dem Du von August für immer Abschied genommen hast — rückte er damals gleich ab? Und nun liegt Helmuth verwundet — hast Du nähere Nachrichten? er schrieb mir wenige Tage nach seiner Verwundung aus dem Feldlazarett 4. 50. Inf.-Div. Westen; ich schrieb ihm sofort wieder (18. Juli) habe aber seitdem keine Antwort, was mich etwas beunruhigt. Es war ein Granatsplitter im Hinterkopf. Er schrieb kurz nach der Operation, die glücklich verlaufen sein soll; aber, weiß Gott was hinterher kam; mich beängstigt sein Schweigen jedenfalls. Denn gerade im Lazarett ist man schreiblustig, wenn es einem gut geht. Gib mir bitte Nachricht, was Du über Helmuth weißt und besuche ihn ja, wenn das Lazarett für Zivilpersonen erreichbar ist. Es ist ja auch die Frage, ob er dort geblieben ist. Wie gehts Euch allen; wo ist Dein Bruder? Grüß alle von mir und laß Dir die Hand drücken
von Deinem
Franz.
5. X. 15.
Meine liebe, gute Lisbeth,
wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin sehr schreibeunlustig geworden — die Welt, die Arbeit und die Liebe, alles rückt so traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich schrieb in den letzten Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter, aber meine Gedanken irren eigentlich in einem nirgendwo, unstät, unproduktiv, voll Haß gegen diesen Krieg; und was mir diesen Zustand besonders unheimlich macht: ich werde ein immer besserer — Soldat! Ich kenne mich oft nicht wieder; wir Männer sind ein merkwürdiges Geschlecht. Der Krieg vermännlicht uns leider noch mehr, ich kann mir Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und daß es Kinder gibt und Kinderleben! — Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in gefährlichster Nähe der großen Offensive. Ich selbst kann über nichts klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter und werde in Bälde Offizier sein; das erleichtert natürlich mein Leben äußerlich sehr, aber die geistige Luft, in der ich nur mühsam atme, wird dadurch nur noch „dicker“. Dabei „genieße“ ich den unbestrittenen Ruf eines „vorzüglichen“ Soldaten. Ich bin es sogar. — Das ist das Groteske meines jetzigen Lebens.