Es mochte die achte Morgenstunde sein, als der Oberschultheiß, begleitet von zwei Bütteln, am Schneidturme erschien. Er hatte seine volle Amtstracht angetan und schritt mit unvergleichlichem Stolze durch die drängende Menge.

»Platz gemacht!« rief er einigen Bürgern zu, die ihm den Weg versperrten.

Murrend traten diese auseinander.

»Der Oberhenker!« brummte ein Grobschmied. — »Herrgott, der wenn ein Stück Eisen wäre und ich hätte ihn auf meinem Ambos!«

Kein Mensch grüßte den Gestrengen. Überall, wohin er blickte, begegnete er finsteren, feindseligen Mienen. Er atmete hoch auf, als er unter den Torbogen des Schneidturmes trat und dort vom Aktuarius mit einem tiefen Bücklinge empfangen wurde.

»Das Volk scheint mir eine etwas bedenkliche Haltung anzunehmen,« sprach der Oberschultheiß in leisem Tone zum Aktuarius und ließ sein Auge langsam und prüfend über die Menge gleiten.

»Ah bah! sie schauen finster,« antwortete dieser verächtlich. »Das ist auch alles, wozu sich der Witz und Mut dieser Leute aufzuschwingen vermag. Lassen wir ihnen das wohlfeile und unschädliche Vergnügen!«

»Und doch möchte ich die Sache ernster nehmen als Ihr. Es sind noch zwei Stunden bis zur Hinrichtung, Zeit genug, daß das Volk aus finsterem Brüten zu lauter Auflehnung übergehen könnte. Ich beauftrage Euch daher, ein wachsames Auge auf die Leute zu haben, und sobald Ihr etwas Verdächtiges bemerkt, mir sogleich Mitteilung zu machen.«

Nach diesen Worten trat er in des Kerkermeisters Stube.