»Und welche Zeit wäre geeigneter,« sprach Spee mit einem dankbaren Blick nach dem jungen Priester, »als die unsere? Was ist es, was die Scheiterhaufen aufrichtet und ihre mordenden Flammen durch das Land verbreitet? Ist es nicht des Volkes Unwissenheit und Aberglaube, was die Hexen schafft? Ziehen dunkle Wetterwolken übers Firmament und senden Wolkenbrüche, Verderben nieder, verwüstet Hagelschlag des Feldes Segen, unterwühlen Mäuse rings die Äcker, bricht ein Sterben unter Menschen oder Tieren aus, ja, weicht eine Krankheit der Kunst des Arztes nicht: so ist's dem Volke nicht des Himmels Strafe, nicht ein Werk der zürnenden Gottheit, — nein, die Hexen und der Satan sind es, welche die Natur auf böse Bahnen gezwungen. Mit der Unwissenheit ist gepaart der Neid. Dem Nachbar geht es wohl, ein reicher Gottessegen füllt sein Haus. Da neigt der Neid sein grinsendes, giftiges Angesicht zum Menschenherzen und flüstert ihm zu: Warum dort Glück und Wohlstand und warum nicht bei dir? Weißt du warum? Jener dankt es dem Bösen, dem er seine Seele verkaufte für irdisches Glück. — Er betet doch und ist fromm? — Gerade dieses ist ein sicheres Zeichen, daß er es mit dem Bösen hält. — Mußt' ich doch kürzlich von angesehenen Männern den Ausspruch hören, daß, wenn sich einer als frommer Sohn der Kirche zeigt, sich öfters mit Weihwasser besprengt, in den Kirchen fleißig betet und besonderer Andacht pflegt, er sogleich dem Verdachte der Zauberei verfalle. Denn, so urteilen die verblendeten Menschen: jene müssen einer besonderen Frömmigkeit sich befleißen, sonst haben sie vor dem Satan keine Ruhe. Welch ein Urteil! Und so gräßlich töricht und vermessen auch dasselbe ist, so übte es doch bereits solche Macht über die Menschen aus, daß jedermann sich scheut, seine Frömmigkeit nach außen kundzugeben, ja, daß selbst Priester, die sonst täglich Messe lasen, dies nun schon lange unterlassen, oder wenn sie das heilige Opfer darbringen, es im geheimen tun, damit das Volk nicht ihre Namen mit dem Verdachte der Zauberei befleckt.[B] Wohin, um der Barmherzigkeit Gottes willen, soll es führen, wenn das, was heute Recht und Gerechtigkeit genannt wird, solche Früchte zeitigt! Müssen wir nicht immer mehr der Gottlosigkeit, ja dem nackten Unglauben verfallen, wenn Gottesliebe und Gottesdienst die Zeichen frevler Zauberei sind und über Schmach und Qual und Schande nach dem Scheiterhaufen führen! Steht nicht die Welt an ihrer Neige, wenn das Herz nicht mehr sich frei zum Schöpfer erheben darf, ohne daß ein frommes Gebet den Richter zürnen macht und ihn in blindem Wahne Gott mit dem Satan, Gottesdienst mit Gottesmord verwechseln heißt!«

Schönborn sah dem Pater mit wehmütiger Bewunderung ins flammende Gesicht.

»Dem Wahne Krieg und Haß,« sprach er, seinen Arm auf Spees Schulter legend. »Es ist Wind und Sonne nicht gleich geteilt unter den Kämpfenden, wenn wir beide gegen eine Welt in Waffen stehen. Aber Gott ist mit uns, die Wahrheit unser Schild, die Gerechtigkeit unsere Liebe und die Liebe unsere Macht!«

Die Freunde schieden.

Spee trat an das Fenster seiner Zelle und lauschte dem kunstlosen Gesange eines Vögleins, das sich im Schatten einer Fliederstaude wiegte. Die Züge des Mönches gewannen wieder jene schmerzliche Weichheit, die ein Widerschein einer in rastloser Liebe ringenden, schaffenden Seele war.

Ein Lächeln glitt, einem flüchtigen Sonnenblicke gleich, über sein Antlitz. »Hab' Dank, du kleiner, gefiederter Gottessänger! Du hast mir Friede gesungen.«

Dann kehrte er an seinen Tisch zurück, betete mit Inbrunst, zog ein Heft Papiere aus dem Schiebfache und schrieb eifrig, mit dem Herzblute seiner Liebe, jenes unsterbliche Werk: Die Cautio criminalis.[C]