»Ja, immer das alte, schreckliche Thema,« bestätigte der Jesuit.

»Aber, mein lieber Pater,« wendete Schönborn ein, »du nimmst dir diese Angelegenheit auch gar zu tief zu Herzen. Können wir wenden und ändern, was wir schmerzlich beklagen? Ist's unsere Schuld, daß solches Elend an dem Herzen der Christenheit frißt?«

»Ja, wenigstens zum Teile!« gab der Jesuit mit steigender Wärme zurück. »Auch wir tragen einen Teil der Schuld an diesen Greueln, die zum Himmel schreien. Warum sind wir keine Paulus, die mit des Wortes zündender Gewalt gegen dieses Brennen, Rädern und Morden eifern; warum sind wir keine Johannes, die mutig vor Thron und Richterstuhl hintreten und sagen: Es ist dir nicht erlaubt! Warum gehen wir nicht durch die Gassen und über alle Wege, warum nicht in die entlegensten Schlupfwinkel und predigen wieder und wieder Christum den Gekreuzigten, der die Sünde und den Satan besiegt hat? Freilich, man würde uns an vielen Orten mit halbem Ohre anhören, mit halbem Herzen glauben. Wie der Löwe, nachdem er Blut gerochen, mit heißen Nüstern nach neuer Beute spürt, nicht Rast und Ruhe kennend, bis die lechzende Zunge sich wieder am Blute satt geleckt hat, so spürt auch das, was man jetzt Gerechtigkeit nennt, nach neuen Opfern, deren eines die Gier nach einem andern weckt. Ist nicht die Welt zum großen Irrenhause geworden, wo Wut und Wahn die Geister rastlos peitschen und die Vernunft zum Aschenbrödel erniedrigt ist? Philipp, diesen Scheitel deckten jüngst noch dunkle Haare. Nun sind sie greisenhaft geworden. Das hat das Leid getan, das tiefe Leid um jene armen Wesen, die unter unfaßbaren Qualen den Hexenstempel sich auf die Seele drücken lassen müssen, stumpf geworden unter Henkers Hand, im Geist umnachtet durch des Kerkers Nacht, nur einen Gedanken noch mit heilen Sinnen denkend, den der Unschuld, nur eine Sehnsucht in dem todgehetzten Herzen tragend — Erlösung!«

»Schrecklich, schrecklich, lieber Pater!« rief mit bebender Stimme der junge Kanonikus. »Das Bild, das du entwirfst, erfaßt die Seele mit namenlosem Grauen und tränkt sie mit unnennbarem Schmerze.«

»Dich faßt eisigkalt mein armes Wort,« sprach der Jesuit; »wie erst, wenn dein Auge in den Kerkern jenen Jammer schauen müßte, den dort die wahnwitzig gewordene Gerechtigkeit aufhäuft! Wahrlich, man müßte ein Herz von Stein in seinem Busen tragen, um nicht aufzubranden in wildem Schmerze gleich der sturmgepeitschten See. Und doch, so tiefe Nacht, der Greuel voll, auch jetzt sich auf der Menschheit niederläßt, du, Herr am Kreuz, du Gott im Himmel droben, siegst auch hier! O sei gegrüßt, spes unica!«

Bei diesen Worten nahm Spee das Kruzifix von seinem Tische und küßte es mit heiliger Inbrunst.

Und wie wenn plötzlich sich die Wetterwolken teilen und zwischen ihrem unheilvollen Dunkel milde Sonnenstrahlen leuchten, so ward auch unseres Paters Antlitz immer weicher — milder, je länger er den Blick dem Kreuze zugewendet hielt.

»Mein lieber Schönborn,« fuhr er fort, dem jungen Manne die Rechte reichend, »in dir schlägt ein Herz, das stets der Wahrheit dient. Mag dich Gott hohe Wege führen, mag dein Leben still und unbemerkt verfließen, das eine sei dein Vorsatz — mit Wort und Tat gegen den Wahn Krieg zu führen und ein wahrer Freund aller derer zu sein, die, sei's aus Schuld, sei's ohne Schuld, mit Leiden ringen. Das Gute, das wir tun im Alltagsleben, reicht nicht zum Himmel aus, wenn nicht der Armen gestillter Schmerz, ihre in Trost gekehrten Tränen, wenn nicht das goldene Werk der Nächstenliebe die schönsten Stufen baut.«

»Es sei! Solch einem Worte kann ein Schönborn nicht sein Herz verschließen,« rief begeistert der junge Priester aus. »Es ist ein beneidenswerter Weg, der meinem Geistesauge sich erschließt. Schmal, steil, voll spitziger Dornen zwar für das spröde Körperauge, doch voll des Friedens für die Seele. Gleich dem guten Hirten heilt der Mensch, was rechts und links an seinem Lebenswege krank und bittend die Hände hilfesuchend breitet, und wo die Macht zu helfen und zu heilen fehlt, da mag ein Wort der Liebe die Dornen in Rosen verwandeln und dem Leide die Ergebung als Trösterin beigesellen.«