Das Mädchen erhob sich langsam, strich die Locken aus der Stirne und küßte den Alten.
»Ja, Vater, ich habe geweint,« sprach sie, mit dem weißen Tuche sich die Augen trocknend.
»Und warum, Kind? Bist du nicht glücklich? Bist du nicht die schönste Maid im Frankenlande, hast du nicht einen Vater, der dich innig liebt? Bist du nicht reich und angesehen, und, was dein höchster Schatz und Schmuck ist, bist du nicht gut und rein und schuldlos wie ein Morgensonnenstrahl? Und dennoch Tränen?«
»Ich will's Euch klagen, Vater. Als ich dort am Fenster stand und auf meine Rosen glücklich niederschaute, und sie mir duftige Frühlingsmärchen erzählten, drang dumpfes Wogen von der Straße herauf zu mir. Sie brachten wieder ein armes Opfer des schrecklichen Hexenwahnes an unserem Hause vorüber. Die alte Bernin war's, du kennst sie ja! Und hinter ihr ging — zwischen Schergen — gebunden — ach!«
»Um Himmels willen, Tochter, golden Kind!«
Das Mädchen war wie zur Leiche geworden und vor des Vaters Füßen zusammengebrochen.
Der Greis zog mit stürmischer Hand die Glocke, und bald hatten helfende Hände die Bewußtlose auf ein Ruhebett gebracht. Das Leben kehrte allmählich in den schönen Leib zurück, schwach zitterte der Atem aus der Brust herauf und durch die blassen Lippen, und dann drang zwischen den Lidern eine große, volle Träne hervor und erstarrte wie ein Demant auf den blassen Wangen. Und nun schlug sie langsam die schönen Augen auf, Vergißmeinnichte ohne anderen Glanz als den des Schmerzes.
Sie suchte nach des Vaters Hand. »Nun ist's besser.«
Der Greis sah mit tiefem Kummer auf sein Kleinod nieder, das ein ihm unbekanntes Leid zum Tode verwundet hatte.
»Setzt Euch, Vater, nahe zu mir und laßt mich reden! Das macht das Herz mir leichter und das Leid wohl weniger hart. Hinter ihr,« fuhr sie in ihrer Erzählung flüsternd fort, indes ihr geistiges Auge alles noch einmal schaute, — »führten sie gebunden, schmerzzerrissen unseren Heinrich.«