Unten auf der Straße wogte viel Volk auf und ab und flüsterte sich in die Ohren. Tiefe Stille herrschte, als der Vogt und die anderen mit ihm ins Freie traten. Wie sie die Köpfe zusammensteckten, die Vettern und Basen, und wie sie die Hälse reckten, die Ehrentapfern, und sich anstießen: — »'s ist 'ne Hexe, hab's schon längst gesagt.«
Der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus ein Scherge, dann die alte Bernin, am Halsstricke geführt von einem Knechte. Hinter ihr der Student, die Hände über dem Rücken gebunden, das schöne Antlitz von Zorn und Schmerz und Beschämung verzerrt. Rings Schergen und zuletzt stolz aufgerichtet wie ein siegreicher Feldherr der Vogt und ihm zur Seite schleichend, zitternd der Schreiber mit dem Protokolle.
Die Menge folgte schiebend und drängend und wandte ihre Aufmerksamkeit immer mehr dem Studenten zu, dem infolge der bis aufs äußerste gesteigerten Aufregung die hellen Tränen über die zuckenden Wangen rollten.
»Was es nur mit dem sein mag?« flüsterten sie und bückten sich, um ihm recht unters Gesicht schauen zu können. »Sieht doch mehr einem frischen Jungen als einem Hexenmeister und Zauberer gleich!«
»Mein Gott,« schalt ein anderer mit lauter Stimme und schielte dabei nach dem Vogte, »heutzutage ist alles verhext und verteufelt, am Ende auch noch die Herren am Gerichte. 's ist ein häßlich Leben in unserer Zeit!« — —
Gegenüber dem Grafeneckersturm an der Ecke des Platzes mit dem großen Brunnen steht ein stolzes Haus. Aus seinen geöffneten Erkerfenstern schaut hinter lieblichen Rosen ein herrliches Mädchenangesicht auf die vorüberwogende Menge nieder. Das dunkelblaue Sammetgewand, von goldgesticktem Gürtel umschlossen, blickt wie nächtiger Himmel hinter dem blühenden Blumengesträuche hervor, während das engelmilde Antlitz mit den großen Vergißmeinnichtaugen und mit der goldenen Lockenpracht dem Monde gleich in sanftem Glanze widerstrahlt.
Der Zug ist vorüber; ein tiefschmerzlicher Blick aus schönen Augen hat ihn mit einer Träne gegrüßt. Nun schließen sich die Fenster, und es ist, als sei der Mond untergegangen.
Edeltraut war auf ihre Kniebank vor dem Bilde des Gekreuzigten niedergesunken. Die zarten Hände bedeckten das glühende Antlitz, die Seele suchte nach Gebet und fand es nicht und rang sich fruchtlos müde.
»Tochter,« unterbrach der Greis das Schweigen, »Edeltraut, du weinst!«