»Glaub's wohl,« lachte der Neunaugen, ein widerlicher Kerl mit dünner Stimme und schielenden Augen; »es versteht sich nicht jeder so gut auf sein edles Handwerk wie der Junker Zuckerwastl! So einer solch weisen Kopf zwischen seinen Schultern sitzen hat, mögen ihm die hochgelahrten Herren mit den hänfenen Halskrausen und dem peinlichen Rechte nicht beikommen.«
Der Zuckerwastl nickte dankend für das gespendete Lob, pfiff ein Lied und schritt nach dem Hausflure, um dort den Schenkwirt aufzusuchen. —
Wir haben hier eine Gesellschaft vor uns, wie sie sich in einem alten Gerichtsakte gezeichnet findet, Gauner vom reinsten Wasser, echte Erzeugnisse jener wilden Zeit des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts, wo die unteren Volksschichten fast ohne Bildung waren und eine ganz erbärmliche Justiz den letzten Rechtsbegriff in der Menge zerstörte.
Der Zuckerwastl war eine lange, hagere Gestalt mit stechenden Augen und dünnen schwarzen Haaren; jenen Namen trug er, weil er stets einen kleinen Kram mit sich trug, der aus Zucker, Gewürz, Hutschnüren, Schamlot und Hosenbändern bestand; diese Gegenstände aber sollten ihm nicht zu redlichem Erwerbe dienen, sondern vielmehr ein Mittel sein, sich als fahrender Händler in die Häuser einzuführen, die Gelegenheit zum Stehlen auszukundschaften und dann mit seinen Gesellen nach Lust und Möglichkeit zu rauben, oder, wenn es nicht anders ging, wohl auch zu morden. Er gehörte zu jenen Landfahrern, welche von wandernden Eltern stammen, ohne Heim und bleibende Stätte, dem Wandertriebe folgend von der Wiege bis zum Galgen oder, wenn er unter einem guten Sterne geboren war, bis zu einer Grube draußen im Walde; ohne Aufblick nach oben, ohne Verständnis des Diesseits, ohne Hoffen und Sehnen nach einem besseren Jenseits. Die wenigen Begriffe von Gott und Religion fanden sich in solchen Menschen nur im Zustande greulichster Verzerrung, daher auch jene mehr dämonische als bloß abergläubische Auffassung vom Wesen und der Gewalt des Satans. Ja, diese Gattung Leute betrachtete sich im Bewußtsein der eigenen Verworfenheit und in dem Gefühle der Verachtung, mit der ihnen jede über ihnen stehende Schichte der Gesellschaft begegnete, als bereits bei lebendigem Leibe dem Teufel zu eigen verfallen und fand, dadurch mit dem Gifte des Hasses erfüllt, eine satte Befriedigung darin, wenn möglich durch Hilfe des Satans Rache an jenen zu üben, die, sei es durch Tugend oder Geistesbildung oder Glücksgüter, hoch über ihnen standen.
Wie die Neuzeit trotz ihrer teils wirklichen, teils vermeintlichen Aufklärung sich einem epidemischen Wahnsinne im Tischklopfen, Somnambulismus und Magnetismus hingegeben und damit, bewußt oder unbewußt, einen Dämonenkult getrieben hat, und wie diese Abirrung ihren Grund in einer verrückten Anschauung aller göttlichen und irdischen Ordnung und in einer krankhaften sozialen Auffassung hatte: so auch jene Erscheinungen voll beschämender Verirrungen, die uns im Hexen- und Zauberwahne entgegentreten. Sie waren nichts anderes als eine häßliche soziale Krankheit, großgezogen durch religiöse Unbildung und unverstanden von jenen, deren heiligste Pflicht und schönste Aufgabe es gewesen wäre, hier rettend, heilend, versöhnend dazwischenzutreten. Die rohe Gewalt des Scheiterhaufens war dem geistig kranken Volke kein Gegenbeweis seines Irrtums, sondern vielmehr eine unumstößliche Bestätigung seines Wahnglaubens. —
Der Zuckerwastl war so ganz ein Produkt seiner Zeit: keck, verwegen, auf einen Gott nicht hoffend, aber dem Teufel vertrauend, ein Fremdling auf der weiten Welt und doch überall zu Hause, wo Gelegenheit oder Verbrechen ihm den Tisch deckten, jeden hassend und sich selbst nicht liebend, dagegen Rad und Galgen als sicheren Schlußstein eines trost- und friedelosen Lebens stets vor Augen.
Eine dunkle, gestaltlose Ahnung erzählte ihm noch von Eltern. Als Bube streunte er bettelnd und stehlend Land auf und ab, sah keine Schule, hörte kein Gotteswort, kniete in keinem Beichtstuhle, verstand kein Gebet, ward Jüngling und Mann und Verbrecher, und berechnete als solcher sein Leben nicht nach Tagen und guten Werken, sondern nur mehr nach Übeltaten und rohen Genüssen.
Die Gesellschaft, die sich in buntem Wechsel um ihn als ihren Kernpunkt kristallisierte, war nicht besser als er selbst. Dort sehen wir unter dem langen Abendschatten des einsamen Waldhauses den Pappenheimer und den zerbrochenen Paulus, beide Kesselflicker aus der Passauer Gegend, Meister in der Zunft der Diebe, Räuber und Brandstifter. Dann noch den Neunaugen, einen ehemaligen Dorfschmied, der sich wegen eines Mordes aus seiner Heimat geflüchtet hatte, unterwegs eine sechzehnjährige, ihren Eltern entlaufene, umherstreunende Dirne aufgriff und zum Weibe nahm, obwohl er zu Hause Weib und Kinder im tiefsten Elende zurückgelassen. —