»Gott segne dich, mein Kind!« sprach Spee zum Gruße.
»Dank, ehrwürdiger Vater,« entgegnete das Mädchen, die Augen niederschlagend. »Ich hab' Euch zu mir gebeten, damit Ihr Ruhe in mir schafft. Ihr kennt mich, wie ich bin. Seit Ihr meine Seele leitet, habe ich Licht und Schatten Euch vertraut. Und doch — es ist — wie soll ich's nennen nur — ein Fühlen in der Seele mir erwacht, das —«
»Sprich, Edeltraut! dein Leid will einen Namen und dann guten Rat.«
»Ich war ein Kind, als sie die Mutter für ewig schlafen legten. Am Schmerz, den ich um sie getragen, maß ich meine Liebe. Mein ganzes Herz trug ich vom Grabe weg in meines Vaters Liebe über, ein großes, heiliges Glück! Sonst liebte ich wenig mehr auf dieser Erde. Meine Blumen, diese Gottesaugen, hatte ich freilich innig lieb; doch war's ein kindlich reines Minnen. Nun ist es anders geworden. Gnade, Pater, — habt Erbarmen, Ihr, mein alter Vater, wenn ein Geständnis über meine Lippen kommt, das Euch erschreckt. Als sie den Heinrich heute einem Verbrecher gleich an meinem Fenster vorüberführten, da stach ein Schmerz durch meine Seele, der nicht Mitleid war — 's war Liebe! Wie oft, wenn er zur Laute Euch die schönsten Lieder sang, schaute ich begeistert in dies reine Auge! Wie oft hatte ich einem Kinde gleich seinem Worte gelauscht, wenn er von Herrlichem so herrlich sprach — ich ahnte es nicht — er wollte es nicht — und doch, es ist geschehen!«
Die letzten Worte sprach das Mädchen mit immer leiserem Geflüster. Ein tiefes Rot lag über ihrem Antlitze — ein Engel hatte es wohl über sie gehaucht.
»Ist's Sünde, Vater, was ich fühle, so sagt es, ist es auch hart — ich kann vergessen; denn Sünde will ich nicht! Ist es aber gut vor Gott, vielleicht selbst Gottes liebendes Werk, dann laßt mich es wissen, laßt mich glücklich sein!«
»Es ist nicht Sünde,« sprach der Jesuit in mildem Ernste, »wenn reinen Herzens sich der Mensch zum Menschen kehrt. Doch ist's ein Weg voll bunter Blumen, die viel Gift enthalten und Schlangen bedecken. Da bedarf es treuen Betens und steter Wachsamkeit.«
»Und was sagt Ihr, mein teurer Vater?« fragte schüchtern das Mädchen.
»Gott segne dich und deine Liebe, wenn sie sein Wille ist!« sprach feierlich der Greis.
»Nun bin ich ruhig. Doch eine Bitte, guter Pater! Ich weiß es und mein Herz sagt mir das gleiche, sie haben Heinrich unschuldig ins Gefängnis geworfen. Sorgt für ihn und sprecht für ihn und macht ihn wieder frei. Sagt selbst, ist es möglich, daß Schuld auf diesem Herzen lastet? — Ihr saget nein — habt Dank! Und ist er frei geworden, dann will ich mit der Lerche Dankeslieder jubeln. Dann soll mein Herz der Rose gleichen, die dem Himmel Lust und Schönheit dankt und, wenn auch in der Erde wurzelnd, doch dem Himmel angehört!«