5. Kapitel: Ein blindes Kind - ein blinder
Richter
In einer Gasse, nahe der Marienkapelle, ragt unter den hochgiebeligen, schmalen Häuschen, an denen mehr die Laune als der Zirkel und das Winkeleisen maßgebend war, ein stattlicher Bau hervor. Die Fenster gucken nicht in bunter Regellosigkeit aus dem Mauerwerke, sondern teilen sich gleichmäßig in die hohe, breite Wandfläche. Das Eingangstor ist niedrig und von Säulen getragen, Larven grinsen vom Torbogen hernieder, nun Zorn, nun Mut, Trotz und Verachtung im Steine widerspiegelnd. Ein schönes Stiegenhaus führt nach dem ersten Stocke, der Wohnung des gestrengen Rates Gering.
Ein mürrischer alter Herr. Der Körper ist noch wuchtig, das Alter hat ihn noch nicht angefressen, es hat ihn nur etwas außer Rand gebracht. Die Haare sind kurz geschnitten und stark ins Graue spielend. Die Augen groß und stechend, das Gesicht fleischig und hochgerötet, der Mund trotzig aufgeworfen.
Die Arme über die Brust verschränkt, geht er mit festen Schritten in der großen Familienstube auf und ab. Ein tiefer Unmut scheint sein Herz zu quälen und seine Gedanken zu peitschen; denn zuweilen stampft er zornig auf den Estrich oder trommelt Sturm an den kleinen Fensterscheiben, daß sie klagend klirren.
In einer Ecke sitzt ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren. Die dunkeln Locken fallen in lieblicher Unordnung über die weiße Stirne und an den blassen Wangen herab. Die ganze Gestalt ist unendlich fein gegliedert; mehr ätherisch als der Körperwelt verwandt. Das glanzlose Auge stiert tot bald nach der Decke, bald nach der Stelle hin, wo der Ratsherr sich hörbar macht. Stille Ergebung ist über das bleiche Antlitz gehaucht, jener eigentümliche Zug, der wie lächelnder Schmerz, wie ein blumiges Grab anmutet.
Ein Schwesterchen von sechs Jahren sitzt neben dem blinden Mädchen und schmiegt sich furchtsam an dasselbe, indes die großen, klugen Augen unverwandt auf den Vater gerichtet sind, der so unwirsch tut und, seit er aus der Gerichtsstube heimgekehrt ist, noch kein freundliches Wort für seine Kinder gefunden hatte.
Nun bleibt der Rat vor den beiden Mädchen stehen. Der Anblick der blinden Tochter stimmt ihn weich. Und je länger er auf seinen Liebling schaut, um so milder wird sein Ausdruck, um so friedlicher sein Auge. Er beugt sich nieder und drückt einen stummen Kuß auf den lockigen Scheitel.
»Vater!« ruft Elsa und breitet die Arme.