»Hier bin ich, mein Kind!«

»Dank für den Kuß, tausend Dank!«

»Elsa!«

»Was willst du, Vater?«

»Hast du heute für mich gebetet?«

»Ja. Ich tat's aus ganzer Seele. Als du am Morgen von uns schiedest, da botest du mir auf, dich ganz besonders in mein Gebet zu schließen. Ich ließ mich in die Marienkapelle führen, und dort gedachte ich deiner und der Sorge, die dich drückt. Wir Blinde,« fuhr sie lächelnd fort, »können, ich glaube es wenigstens, viel besser beten als die anderen Menschen. Uns stört kein äußerer Eindruck, wir sind mit Gott allein. Uns decket Nacht und Finsternis, kein Sonnenlicht grüßt freundlich durch das Auge in das Herz, und was ihr Glückliche von Blumenpracht und Frühlingsherrlichkeit erzählt, ist uns ein Rätsel, dem wir nicht Gestalt noch Farbe geben können. Gilt es aber ein Leiden mitzufühlen, des Nächsten Schmerz zu fassen, dann sind wir nicht mehr blind, dann sehen wir gleich anderen, weil wir doppelt fühlen. Und erst, wenn eines Blinden Seele betet, Vater, da wird es Licht, so hell und klar und fleckenlos, daß euere Sonne wohl nicht schöner leuchtet. Da gibt uns Gott ein Glück, das ihr nicht ahnt, da schauen wir, was ihr nicht sehet, und fühlen uns so nahe Gottes Herzen, weil wir so ganz von der Welt geschieden sind.«

»Das nennst du Glück!« sprach der Ratsherr in weichem Tone. »Gott erhalt' es dir! Denn ohne Trost ist Blindheit wie ein Grab, in dem man lebend seines Todes harrt.«

Er nahm seine Tochter und führte sie nach seinem Sorgenstuhle.

»Setz' dich hieher und laß mich mit dir reden. Gerade weil dein leibliches Auge nie die Welt geschaut hat und alles, was du sprichst, ein reiner Widerhall deines Herzens ist, lege ich so gerne, was mich drückt, in deine Seele nieder. Sieh', diese Hand, die hier auf deinem Scheitel ruht, hat heute wieder ein Todesurteil unterzeichnet.«

Das Mädchen schrak zusammen. Zitternd entzog es sich der Berührung und streckte die Hände abwehrend aus.