Der Oberschultheiß schaute finster. »Ihr predigt gut, sehr gut, mein werter Pater; nur schade, daß Ihr von Dingen redet, die Ihr nicht versteht. Glaubt Ihr, wir zwingen einem Angeklagten ein Bekenntnis ab? Wir fragen, fragen peinlich, ja, 's ist wahr! Im übrigen aber halten wir uns strenge an das Recht und an die vorhandenen Indizien.«
»Ihr schlagt euch selbst,« sprach Spee. »Denn nichts ist armseliger, nichts ist himmelschreiender, als was ihr sichere Anzeichen für die Rechtmäßigkeit der Anklage nennet. Ist eine Angeklagte schlechten Rufes, so ist euch dies Beweis genug fürs Hexentum; denn eine Schlechtigkeit erzeugt die andere, sagt ihr. Ist aber ihr Ruf so rein wie Sonnenstrahlen, so ist euch dies erst recht ein Beweis für das, was ihr behauptet; denn also, sagt ihr, pflegen sich die Hexen zu verhüllen und streben jederzeit nach äußerm guten Scheine. Man führt sie in den Kerker. Zeigt sie keine Furcht, da sie doch weiß, welch großen Martern sie entgegengeht, so zeugt das davon, daß sie auf des Satans Hilfe hofft und ihrem eigenen Trotz vertraut. Quält aber Furcht und Angst die Seele, dann ist das ein stilles Bekenntnis ihrer Schuld, ihr eigenes Gewissen klagt sie an. Noch mehr! Ihr schreitet zum Verhöre. Bekenntnis besiegelt euch die Schuld als eine unfehlbare. Beteuerung der Unschuld ist euch nichts als Trotz, den nur der Satan in die Seele blasen kann. Und findet ihr kein Ja und Amen auf das grausame Fragespiel, so greift ihr zur Marter. Beugt sich der Schmerz, so habt ihr, was ihr wollt; und widersteht die Zunge und das Herz dem Zwang des Henkers, so ist's der Satan, der die Kraft zum Widerstande leiht.«
»Ihr laßt nicht gelten,« zürnte der Oberschultheiß, »was dem Rechte feste Stütze ist. Ich hätte nie geglaubt, daß ein Gottesdiener mit dem Rechte so verfährt; freilich —« und seine Stimme nahm eine ganz eigene Färbung an — »freilich, die Herren sind auch ganz eigene Leute.«
»Wie meint Ihr das?« fragte mit größter Ruhe Pater Spee.
»Weil Ihr mich fragt, mag ich es Euch wohl sagen,« gab rasch der andere zurück, mit seinen Armen um sich fahrend. »Ihr Herren nennt alles schlecht und unbrauchbar, was nicht von euch gemacht und gutgeheißen ist. Ihr wollt die Welt regieren, ihr wollt Gewalt über alles haben, alles wollt ihr ordnen und regeln, alles soll euch dienen, euch untertänig sein. Daß ich es Euch nur frei gestehe, es ist mir gar nicht lieb, daß überhaupt ein Jesuiter mit den Hexen zu verkehren hat, und daß gerade Ihr es seid, das ist mir mehr als leid.«
Es trat eine Pause im Gespräche ein. Der Oberschultheiß sah in hellem Zorne auf den Boden. Eigentümlich; so keck die Rede war, er wagte doch nicht, dem Angegriffenen ins Auge zu schauen. Er fühlte wohl, er hatte seiner Zunge freieren Lauf gestattet, als es klug gewesen, und zu laut wohl das gesagt, was bisher nur als leises Geflüster von Ohr zu Ohr ging.
»Ihr redet gut,« sprach Spee mit sanftem Lächeln; »nur schade, daß auch Ihr von solchem redet, was Ihr nicht gut versteht. Euch geht es wie so vielen: Ihr fürchtet das, was Ihr nicht kennt, und gebt schmähend wieder, was Euch die Verleumdung ins Herz geblasen. Wir Jesuiten sind die Männer nicht, vor denen Ihr zu zittern braucht. Wir wollen keine Herrschaft, wir wollen nicht regieren und dort nicht dazwischentreten, wohin unsere Pflicht uns nicht ruft. Aber wo es sich um Recht und Wahrheit handelt, wo Gottes Ehre auf dem Kampfplatz steht, wo es die Liebe Gottes und des Nächsten gilt: da werdet Ihr uns Jesuiten allzeit kampfgerüstet finden; da kennen wir kein kleinliches Wägen, ob es der Welt gefällt, ob nicht, ob man uns lobt oder nicht: hie Recht und Pflicht und Jesuit — so ist's, so muß es bleiben.«
»Nun ja,« entgegnete der Oberschultheiß höhnisch, »ihr Herren seid die Lämmlein, wir die Wölfe. Wir kennen das! Nur müßt ihr dafür sorgen, daß man euch auch alles glaubt, was ihr von euch behauptet. Kann euch versichern, ihr habt große Gegner hier!«
»Das bringt der Name Jesuit mit sich,« scherzte Spee. »Seid überzeugt, wir fürchten keinen Gegner, wie wir keinen hassen. Das Maß der Liebe ist für alle gleich.«
— — Der Eintritt der beisitzenden Räte unterbrach das Zwiegespräch. Spee verfügte sich in eine Ecke des Saales, um dort dem Gange der Verhandlung folgen zu können, indes die Herren ihre Plätze einnahmen und die Angeklagte, begleitet von zwei Schergen, eintrat.