Und draußen heller, froher Sonnenschein mit Vogelsang und Lerchenjubel! — —
— Oben im Saale, wo gestern die Ammfrau Bernin den Anfang eines Bekenntnisses gewimmert, an dessen Vollendung sie eine Ohnmacht gehindert hatte, gehen in eifrigem Zwiegespräche zwei Männer auf und ab.
Der kleine Hagere mit seinen unruhigen Augen und beweglichen, kurzen Armen ist der Oberschultheiß, der andere im langen, schwarzen Talar der Jesuit Spee.
»Ich habe Euch bitten lassen, Pater, heute Zeuge der Vernehmung der alten Ammfrau zu sein. Ihr habt ja ein so außerordentliches Interesse an unsern Hexen,« fuhr er mit leichtem Hohne fort, »daß Ihr mir für solches Anerbieten nur dankbar sein werdet.«
»Ganz gewiß,« entgegnete ruhig Spee; »denn um die Ärmsten in ihrem Kerker zu verstehen, ist es geradezu unerläßlich, zu sehen und zu wissen, wie mit ihnen hier verfahren wird.«
»Ich verstehe. Man ist nicht sehr begeistert vom peinlichen Rechte; ich kenne das. Allein,« — und er blieb stehen und tippte lebhaft mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Arm des Paters — »allein man sage mir, was würde aus uns, wenn uns nicht dieses peinliche Recht helfend zur Seite stünde? Was? ich frage Euch, hochwürdiger Herr!«
»Vernünftige, gerechte Richter,« antwortete Spee in dem Tone fester Überzeugung.
»Ah, das klingt ja, als ob wir Richter jetzt nicht vernünftig, nicht gerecht urteilten!« rief der Oberschultheiß heftig aus. »Wißt Ihr, Pater, daß das ein kühnes Wort ist?«
»Und wenn es wahr wäre? Wenn ich Euch hier vor Gott und meinem Gewissen sagen muß, daß jedes arme Menschenleben, das Ihr bisher dem Hexenwahn zum Opfer gebracht, nicht ein gerecht gerichtetes, nein, ein gemordetes war? Stellt Euch vor, wie durch die ganze Welt viele arme, gefangene Sünder und Sünderinnen, Schuldige und Unschuldige in Kerkern und Banden liegen. Gar viele werden unschuldig gefoltert, gepeinigt, gegeißelt, geschraubt und mit neuen unmenschlichen, grausamen Martern ihnen so hart zugesetzt, daß sie, der Wucht der Qualen unterliegend, sich selbst und andere dessen schuldig bekennen, was sie nie getan, ja nicht gedacht haben. Und sind sie auch vor Gott frei von jeder Schuld, sie finden bei euch Richtern keinen Glauben, sie müssen durch Gewalt und Zwang — es gehe, wie es wolle — schuldig sein, und erst, wenn sie sich schuldig lügen, finden sie Gehör. Nicht Wort, nicht Schwur, nicht Tränen, ja das gebrochene Herz selbst nicht — nichts kann sie retten — sie müssen schuldig sein! Man peinigt sie so lange, bis sie bekennen oder sterben. Ertragen sie die Martern, ohne zu bekennen, so saget ihr, der Satan stärke sie und binde ihre Zunge, und darum müssen sie erst recht, als mit dem Bösen eng verbündet, hingerichtet werden; bricht aber die Qual und der Schmerz des Widerstandes letzte Kraft, sehnt sich der arme Mensch hinaus aus den Martern nach dem Scheiterhaufen, der ja doch seines Schicksals sicherer Markstein ist, kommt ein Bekenntnis, das man nur Lüge heißen kann, über die todesdurstigen Lippen, dann — dann hat der Ärmste sich dem sicheren Tod geweiht, und ihr frohlockt und sagt, das Recht hat gesiegt. Das Recht? O wenn ihr, die ihr hier oben strenge richtet, gleich mir hinabgestiegen wäret in die tiefe Nacht des Kerkers und hättet dort geschaut, was ich gesehen, und hättet hören können, was mir die Seele zerrissen, ihr sprächet nicht von einem Rechte, das durch euch gesiegt. Oder wollt ihr euer Herz mit eurem vermeintlichen Rechte waffnen, wenn euch gräßlichste Verzweiflung entgegengrinst? Denkt euch eine Seele, die sich rein und schuldlos weiß. Ihr quält und quält und kennt kein Erbarmen! Wie gerne kaufte sich die Todesmüde durch Bekennen die Erlösung, aber wie? Wenn du bekennst, was gräßlich ist und nie an dir einen Teil gehabt hat, bist du dann nicht für ewig, unrettbar verloren? — So kämpft und ringt die Seele, bis die Kraft des Widerstandes schwindet, die des Schmerzes, der Verzweiflung siegt. Endlich — es ist wie schauriges Totengeläute — endlich sagt die Ärmste ›Ja‹ auf alle euere Fragen, — und ihr jubelt, indessen eine Seele in Betrübnis, Schmerz, Verzweiflung untergeht! Ich habe das geschaut und bebend mitempfunden und konnte nichts, als meinem namenlosen Wehe des Predigers Worte leihen: ›Ich wendete mich zu anderem, und ich sah die Gewalttaten, welche unter der Sonne geschehen, ich sah die Tränen der Schuldlosen und keinen Tröster; sie können der Gewalt nicht widerstehen und sind allerseits der Hilfe beraubt. Da pries ich die Toten glücklicher als die Lebenden und hielt für glücklicher als beide den, der noch nicht geboren und die Übeltaten nicht geschaut hat, welche unter der Sonne geschehen.‹«