»Und wenn ich nichts mehr sage? Wenn ich all Euerem Drängen beharrliches Schweigen entgegensetze?«

»Umsonst! Hat Sie denn nicht bereits bekannt daß Sie mit dem Satan einen Bund geschlossen, daß Sie Gott verleugnet hat? Hat Sie nicht damit schon den Tod verdient?«

»Den Tod!« wiederholte tonlos die Ammfrau. »Ein eisigkaltes Wort — der Tod! Ist's nicht schon Schrecken genug, wenn er am Lebensabend sich allmählich in die welken Glieder schleicht und Mark und Kraft mit wachsender Begierde frißt, bis sich die Augen brechend schließen und das kleine Ding da drinnen in der Brust sein Hämmern und sein Pochen endet? — Muß denn der Tod als Flamme, Rad und Schwert das Leben morden? Wohlan,« — und ihre Stimme wuchs an Kraft und schneidender Schärfe — »wohlan, ihr Herren, ich frage euch, wollt ihr mich zwingen, eueren Fragen Rede zu stehen, auch dann zwingen, wenn über diese welken Lippen ein Strom von Jammer fließt, der euere ganze Stadt erzittern macht? Sagt, bebt ihr nicht zurück vor dem Gedanken, daß, wenn mein Mund sein letztes Wort gesprochen, des Klagens und der Tränen unter euch kein Ende sein wird? Ihr könnt mich quälen, foltern, unter euere Füße treten, ich kann es nicht verhindern. Aber eine Macht ist mir geblieben, die, wie der Fels hoch übers Meer, so über mein Elend weit hinausragt — meine Zunge!«

Ein kalter Schauer bemächtigte sich der Richter, als sie des Weibes Worte hörten und in das Antlitz schauten, aus dem die Rache und der Wahnsinn grinsten.

»Hier steht das Kreuz,« sprach der Oberschultheiß mit leicht bebender Stimme. »Gott die Ehre — uns die Wahrheit! Rede Sie!«

Die Alte warf einen schnellen Blick nach dem Kruzifixe. »Laßt unsern Herrgott aus dem Spiele, er hat mit euch und mit mir nichts gemein. Gebt acht auf jegliches Wort, das ich zu euch nun rede, 's ist Blut und Mord. Und wenn es euch das Herz im Leibe erstarren macht, wenn hoch und immer höher des Elendes Fluten steigen, bis Ungezählte sie verschlungen, dann flucht nicht mir, flucht euch!«

»In einer Erchtagnacht war's und um Andreastag, da führte mich der Satan in seinem Gespenste an die Wegscheid auf dem Kreidenberg. Die Nacht war grimmig kalt und rabenschwarz. Da sah ich, wie von allen Seiten rote Flämmchen niederzuckten; ein Licht, wie ich noch keines gesehen, warf seinen Schein rings auf den Plan. Ein Sausen und ein Schwirren zog durch die Luft, und ehe ich mich versah, füllte sich der Kreidenberg mit Hexen an. Es mögen an dreitausend dort gewesen sein. Der Teufel ließ zum Tanze spielen und alles drehte sich, wie wenn der Sturmwind, ist es Herbst geworden, mit dem Laube sein wirbelndes Spiel treibt. Dann ward gezecht. Es war Kinderfleisch, das uns gegeben wurde, doch ohne Salz. Der Wein war gut. Wir stahlen sieben Fuder aus des Fürstbischofs Keller. Darauf hielten wir geheimen Rat, wie wir die Frucht des Feldes verderben, Mensch und Vieh verzaubern und selbst der Kinder nicht verschonen wollten.«

»Schrecklich,« stöhnte der Oberschultheiß.

Das Weib sah ihn durchbohrend an. »Das Schrecklichste kommt erst. Ich soll euch auch wohl sagen, wer mit auf jenem Hexensabbat war? — Daß ihr so schüchtern nickt, seid doch sonst so fest und hart! — Nun hört! Ich habe dort gesehen über zwanzig Mädchen unter dreizehn Jahren. Die haben gräßlich Wehe über ihre Mütter ausgerufen. Dann das Göbel Babelin, die schöne, stolze Dirne, des Ratsherrn Gering blinde Elsa, den dicken Baunach, Batsch, den Gerber, meine Nachbarin, die Hüterin auf der Brücke, den Spittlmeister vom Dietricher Spital und des Dompropstes Vögtin.[M] Habt ihr genug gehört? — Was sitzt ihr da, ihr harten Herren, als wäret ihr zu Stein geworden? — Ich habe euch gewarnt, ihr sollet mich nicht zu reden zwingen. Ihr habt's gewollt — nun sterb' ich nicht allein.«