Die Richter saßen wie gelähmt vor Schrecken und Angst. Selbst der Oberschultheiß war in seinen Stuhl zurückgesunken und glich fast einer Leiche. Die Alte aber ließ einen triumphierenden Blick über alle gleiten, ihr Auge trank mit Wollust die ersten Tropfen eines Wehe, das nur zu bald zum Strome werden sollte.

Pater Spee war bisher stille in seiner Ecke gestanden und hatte der Rede der Alten gelauscht. Seine Seele blutete, als er jene Worte hörte, aus denen die Rache drohend tönte. Dem tiefblickenden Manne war es klar, daß das, was hier als Geständnis gesprochen wurde, nichts anderes war als ein Massenmord, erst mit der Zunge begonnen, um dann mit Rad und Feuer vollbracht zu werden. Sein Herz duldete ihn nicht mehr in dem verborgenen Winkel, er mußte seinem Schmerze, seiner Entrüstung, wie seiner brennenden Liebe Worte leihen.

»Bernin,« sprach er, neben die Angeklagte hintretend, »haben Euere Lippen nichts Böses gesprochen?«

Die Alte fuhr bei seinem Anblicke erschrocken zurück. Dann maß sie ihn mit einem Blicke tiefen Hasses.

»Was wollt Ihr hier?« grinste sie. »Hab' ich nicht an denen dort genug? Laßt mich in Ruhe!«

»Seid nicht hart! Ich will Euch ja nicht quälen. Es ist die Liebe, die mich zu Euch sprechen heißt.«

»Die Liebe?« rief die Ammfrau. »Herr, das Wort ist schön, wunderschön. Aber was Ihr Liebe nennt, das ist schon längst gestorben und begraben. Lügt mich nicht an, es gibt keine Liebe mehr, und auch in Euerem Herzen ist sie tot. Ja,« fuhr sie fort, »wenn die Liebe lebte, dann wäre es nicht Nacht auf Erden, dann rauchte nicht das Blut der Gemordeten und gäbe die Luft nicht alle die Seufzer wieder, die das Unglück ihr vertraut. Es gibt keine Liebe — nein — nein, sie ist gestorben — tot — und steht nicht wieder auf!«

»Armes Weib!« klagte Spee; »wahrhaftig arm, weil sie den Glauben an die Liebe ganz verloren hat. O denket, wenn Ihr an den Menschen zweifelt, an die Gottesliebe, die nicht gemessen, nicht erschöpft werden kann. Legt Euer Elend in sie nieder, Ihr findet dort Heilung — Friede!«

»Zu spät — zu spät!« sprach die Alte und ließ das Haupt auf die Brust herabsinken. — »Ja, es war eine Zeit, da konnte ich glauben, beten und im Gebete glücklich sein! Da war ich noch ein Kind — es ist lange her —, doch die Erinnerung ist in mir nicht gestorben. O schöne Zeit, daß du entschwinden mußtest! Dann kam es anders. Wild, wie die Jagd den Wald durchtobt, durchtaumelte ich das Leben — immer schneller, immer rasender, berauscht von wermutbitterer Lust. Ein böser Mensch brachte mich auf böse Wege, nicht der Satan. Das hat ein Mensch getan! — Er sei verflucht! — Nun herrscht der Teufel über mich und tausend andere, die gleich mir sich ihm ergeben durch das Laster. Hu, wie mich friert, und doch, wie's drinnen brennt und wie im Kopfe hier sich die Gedanken drehen! Ja, ja, der Teufel herrscht!«