Tiefe Stille rings.
Das Volk liegt auf den Knien.
Elsa, Irma und der Greis steigen die Stufen hinan. Unter dem offenen Portale sinken auch sie in die Knie. Tief zur Erde beugt das blinde Kind das lockenreiche Haupt und spricht zu seinem Schöpfer des Herzens stille Sprache. Nun erhebt Elsa ihr Antlitz, breitet weit die Arme betend aus und ruft:
»Herr Jesu Christ, du süßer Gottessohn, du heilige Liebe meines ganzen Herzens! Sieh gnädig nieder auf meinen Schmerz, der zu dir um Hilfe aufschreit. Du, Gott der Liebe, des Erbarmens, sende einen Gnadenstrahl in mein Herz, das Leid und Todesangst umnachtet! Schau nieder auf die Erde! Die blinde Elsa, die dich reinen Herzens liebt, bringt sich zum Opfer für ihren armen Vater. Nimm mich an und rette ihn, den Besten! Ein wilder Wahn hat die Welt erfaßt; sie kennt dich nicht mehr, sie versteht nicht mehr dein Wort und deine Liebe. Statt unter dem Schatten deines Kreuzes allem Leide Heil zu holen, zwingt Aberglaube, Haß und Gottentfremdung den Satan auf die Erde und in die Herzen. Wie unter dem giftigen Hauche der Pest ungezählte Leben enden, nun altersmüde, nun zur vollen Knospe erst erblüht, und wie des Todes Sichel mäht, nicht achtend Kraft und Jugend: so faßt des Wahnes Wirbeltanz seine Opfer, gleichviel ob schuldig oder nicht, ob fromm, ob schlecht — der wilde Wahn hat weder Herz noch Verstand, er mordet, er mordet Schuld wie Unschuld.«
»Du weißt es, Herr, wie fremd mein Herz dem argen Frevel ist, dessen sie mich zeihen. Mein Weg führt auf die Richtstätte; denn Recht und Wahrheit sind der Erde jetzt fremd geworden. Noch bin ich nicht gehört, und doch bin ich verdammt. Ich weiß es. Aber ich klage nicht für mich. Ich steige aus dem Grabe, in welchem ich jetzt lichtlos atme, zu einem anderen Grabe nieder, aus dem die Seele lichtvoll zu dir sich aufschwingt. Darum zage ich nicht. Mir ist der Tod ein neues Leben. Aber, o Herr der Liebe, meinen Vater schirme, sein altes, ehrengraues Haupt, sein Herz voll treuer Liebe!«
»Und dieses Kind — ein Engel noch an Unschuld, rein wie die Lilien des Feldes und edel wie die Rosen — o schütze beide, Herr! Ich aber, großer Gott, ich will zum Opfer werden — zur Sühne für den Frevel, den die Welt mit deinem Namen treibt. Und nun segne mich, Herr, mit deiner Liebe, mit deiner Allmacht, mit deines Herzens Allerbarmen!«
»Wohlan,« sprach sie, sich erhebend und zum Volk sich wendend, »laßt uns gehen! Mein Blut, mein junges Leben gebe ich zum Opfer, zur Sühne — möge Gott es gnädig nehmen!«
Elsa stand hochaufgerichtet über der knienden Menge, ihr sonst so seelenloses Auge schien von einem himmlischen Strahle durchleuchtet, über ihrem Angesichte lagen Friede und Ergebung.
Lautes Schluchzen drang zu ihren Ohren. Ein schmerzlicher Zug lagerte sich über Elsas Antlitz.
»Ihr weint! — Ich kann euch mit des Leibes Auge nicht schauen und euere Tränen nicht sehen. Aber euere Klagen, euer Schmerz spricht laut zu mir. Ich will, wenn ich vollendet habe, eueren Jammer drüben vor dem Throne Gottes niederlegen und beten, beten ohne Ende, daß die Schmach, die auf uns und unserer Stadt lastet, daß der Frevel, der mit Gottes heiligem Willen hier getrieben wird, zur Rüste gehe und Friede, Freude wiederkehre.«