»Amen — Amen!« rief das Volk mit lauter Stimme. Und weiter ging der Zug durch Gassen, über Plätze, bis dort am Schneidturme des Kerkers gähnende Nacht ihre Opfer verschlang.
Fast zu gleicher Zeit, als Elsa mit ihrem Vater und der Schwester die Schwelle des Gefängnisses betrat, banden die Schergen die schönen Hände der Edeltraut Göbel, um die Jungfrau als Hexe gefänglich einzuziehen.
War Elsa Gering bei ihrer Gefangennahme das herrliche Bild edler Ruhe, unbedingter Hingebung in Gottes herbe Zulassung, so war Edeltraut, so sanft und milde sonst ihr Wesen war, bei der Ankündigung ihrer Schuld voll kraftvoller Entrüstung. Das Bewußtsein ihrer Unschuld erhob sich gegenüber der schmählichen Anklage und dem rohen Wesen der Schergen zu jenem Zorne, der nicht der Leidenschaft angehört, sondern dem strengen Rechtsgefühle, das jede Ungerechtigkeit verdammt. Stolz, ungebrochen, wenn auch das schöne Antlitz Totenblässe deckte, schritt sie, umgeben von den Schergen, nach dem Gefängnisse.
Das Volk murrte laut und immer lauter. So sehr es sich bei seiner geistigen Verworrenheit um so sicherer fühlte, je mehr die Herren am Gerichte gegen Zauberer und Hexen wüteten, so konnte es doch nicht glauben, Elsa und Edeltraut seien gleich der alten Ammfrau und dem fahrenden Gesindel in jenes gräßliche Laster verstrickt. Die beiden Mädchen waren der Stolz der Stadt, Elsa durch ihre unbegrenzte Liebenswürdigkeit, Edeltraut durch ihre hervorragende Schönheit und Tugend, die sie damit verband. —
— Der heutige Tag mit seinen Ereignissen hatte den Bürgern tief ins Auge und Herz gegriffen, und ein finsterer, banger, ahnungsvoller Geist durchzog die Stadt. Die Schenken standen leer, auf den Gassen schlichen die Menschen mit hängenden Köpfen dahin, hie und da stieß man auf flüsternde Gruppen mit zornglühenden Augen und schneidiger Rede. Jeden drängte es fort in sein Heim; denn wer war nun noch sicher, daß nicht im nächsten Augenblicke auch bei ihm die Henker eintreten und Weib und Kind als Hexen fesseln würden?
Angstvoll scharten sich die Kinder in der Familienstube um die weinende Mutter, finster und wortlos stand der Vater in seiner Werkstätte und schaute in eine Zukunft voll banger Sorge. Mancher Geselle vom Rhein und der Donau schnürte sein Bündel und kehrte der armen, schönen Frankenstadt den Rücken und trug die traurige Märe von Würzburgs Hexen hinaus in die weite Welt.
— — Und noch mehr Opfer!
Nikodemus Hirsch, Chorherr im neuen Münster, saß mit seinem Freunde Christophorus Barger, Vikarius an selber Kirche, in trautem Zwiegespräche.
Es war der Abend leise verdämmernd zur mondenklaren Nacht geworden. Im Rebgeranke, das sich um die Fenster schlang, schlug vollen Tones die Nachtigall ihr Lied, und draußen zirpten in den Gärten und den Wiesen muntere Grillen.