Die beiden Priester sahen schweigend aus dem offenen Fenster, durch das der blühenden Rebe balsamischer Odem in das Gemach strömte, nach den dichtbelaubten Hügeln, über denen leichte Nebelwolken tanzend hingen, einem Schleier gleich, den die schlummernde Erde über ihre Stirne zieht.

— »Nun ist's erst wieder schön auf Erden, nun ruht das wogende, drängende Leben und des Menschen Seele fühlt aus dem Atem der Natur des Schöpfers Nähe.«

»Sehr wahr, mein lieber Nikodemus. Der Mensch versteht seinen Gott am besten in der Einsamkeit. Und eben darum, weil der Mensch sich immer mehr dem Lärm der Welt vertraut, verliert er auch den Geschmack am Göttlichen und dessen Verständnis.«

»Und doch, zum Teufel laufen die Menschen, zu Gott aber hinken sie. Es will sich keiner mehr selbst verlieren, darum findet auch keiner mehr seinen Gott.«

»Und was man Gott entzieht, fällt dem Teufel zu.«

»Ein traurig wahres Wort, besonders in unserer Zeit, die sich so sehr dem Aberglauben in seiner schlimmsten Gestalt überläßt. Es ist dem Menschen ein natürlicher Gedanke, an Hexen und an Wesen, die mit den Geistern der Finsternis verbündet sind, zu glauben. Das Bewußtsein, daß der Mensch durch die Sünde unter die Herrschaft der bösen Geister gekommen sei, ist zur gräßlichsten Entartung verzerrt worden. Und was nun der von Gott losgerissene Mensch von seinem Schöpfer nicht mehr erhoffen zu dürfen glaubt, das meint er durch ein Bündnis mit dem Bösen erreichen zu können. Das Eingreifen der Geisterwelt in die Geschichte der Menschheit ist unleugbar; aber der Glaube ist zum Aberglauben und schlimmsten Wahn, zu trauriger Täuschung und teuflischer Vorspiegelung ausgeartet. Auf der einen Seite tiefe Unwissenheit, auf der andern ein in Glaube und Sitte verwildertes Volk; Fürsten, die den Glauben ihrer Untertanen heute so und morgen wieder anders festsetzen, als gälte es einen Steuerzettel zu bestimmen; dazu der Krieg mit seinen Lastern und Greueln; die Entfesselung aller Leidenschaften und nirgend eine dämmende, hemmende Macht; Menschenblut und Menschenleben ohne Wert; Bosheit, Neid und Mißgunst, giftige Zungen, die an jeder Ehre lecken: — wahrhaftig, solche Faktoren lassen allein die gräßliche Hexenkrankheit, an der die Menschheit leidet, erklärlich machen.«

»Und das Salz der Erde?«

Feste Männertritte, welche von der Stiege her ertönten, unterbrachen das Gespräch der beiden Freunde. Ihre Verwunderung war keine geringe, als sie den Vogt, der heute bereits eine so große Tätigkeit entwickelt hatte, bei sich eintreten sahen. Sein Wesen war etwas befangen, wenigstens fand er nicht den ihm sonst eigenen harten Ton, den er so meisterhaft verstand, wenn er im Namen »einer hohen Obrigkeit« seines Amtes waltete.

Er rieb sich die Hände und machte einige Verbeugungen, die wohl mehr seine Verlegenheit verbergen, als seine Hochachtung ausdrücken sollten.