»Nach dem Schneidturme?« stieß der Chorherr voll Unwillen aus. »Dort verwahrt man ja die Hexen!«
»Und die Zauberer,« setzte der Vogt trockenen Tones bei.
»Man wird uns doch nicht —«
»Man weiß,« unterbrach der Vogt, der immer mehr seine Sicherheit wiederfand, »man weiß, daß ihr dem Teufel dient. Ja, ja, ihr Herren, das hohe Gericht kennt euere Schuld. Es ist freilich mehr als himmelschreiend, wenn selbst die Priester, statt das Volk zu lehren und zu retten, sich dem Dienst des Satans weihen und selbst unschuldige Kinder ins Verderben ziehen.«
»Spart Euere Worte!« entgegnete der Chorherr mit Würde. »Aus Euerer Rede läßt das Unheil sich erraten, das über unsern Häuptern hängt. In Gottes Namen, lieber Freund,« fuhr er zu Barger gewendet fort, »gehen wir den Weg des Leidens und der Schmach. Du siehst, selbst bis ins Heiligtum dringt schlimmer Wahn, und auch den Priester schützt sein Stand nicht gegen böse Zungen. Die Unschuld geht mit uns in das Gefängnis und vor die Richter, sie wird uns dort zum Retter werden aus Schmach und Schande, und Gott, der einen Daniel der Susanna sandte, wird auch uns seine Hilfe nicht entziehen. — Herr Vogt, wir sind bereit!«
— — Ein trüber Morgen brütet über der Stadt. Der Regen fällt in schweren Tropfen aus dem grauen Gewölke und ein scharfer Nordwestwind fegt durch die Gassen. Es ist so frostig draußen, daß die Blumen die Kelche hängen lassen und ihre bunte Kleiderpracht durchnäßt am Stiele klebt. Was Wunder auch, wenn leise der Himmel weint und rings die Blumen trauern, wenn sich die Sonne in der Wolken Trauerschleier verhüllt und nicht mit klarem Lichte die Stadt begrüßen kann, die eine Nacht voll Schrecken durchlebt hat!
Im hohen Rate hatte man der Ammfrau Bernin Aussage von den zwanzig Mädchen, welche dem Hexensabbate am Kreidenberge beigewohnt haben sollten, sehr ernst genommen. Man forschte nach Namen, und die Alte, stumpf geworden durch seelischen und körperlichen Schmerz und tief verbittert durch der Richter Unerbittlichkeit, nannte, was ihr an Namen eben in den Sinn kam. Möglich auch, daß Haß und Rache mit dabei im Spiele waren und sie, die ihren Tod gewiß vor Augen sah, ein möglichst zahlreiches Geleite nach der Richtstätte haben wollte.
Neben dem großen Eifer, der den Gerichtshof ohnedies schon in Verfolgung der Hexen und Zauberer bis zur äußersten Grenze beseelte, kam noch eine tiefe Mißstimmung der Herren, die in jenem Abende, wo Pater Spee in Gegenwart des Fürstbischofs so einschneidende Worte geredet hatte, ihren Grund fand. Man wollte durch massenhafte Anhäufung des Hexenmaterials die Rede des Jesuiten Lüge strafen, man wollte zeigen, daß das schreckliche Laster des Satansdienstes immer allgemeiner werde und der menschlichen Gesellschaft der Untergang drohe. Dadurch sollte auf den noch wankenden Fürsten ein Hochdruck ausgeübt, er mit dem peinlichen Verfahren der Hexenrichter versöhnt und endlich, was im ganzen Plane nicht das Geringste war, hiebei ein Schlag gegen die Jesuiten und ganz besonders gegen den Pater Spee geführt werden. — So viele Umstände nun der Verwirklichung dieser Absichten günstig waren, so war es doch geboten, mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen; denn trotz all ihrer Macht waren sich die Herren nur zu wohl bewußt, daß Spee mit seiner apostolischen Unerschrockenheit und seinem scharfen Verstande ihnen um so gefährlicher werden mußte, je durchsichtiger ihre Pläne gehalten und je lockerer die Maschen gezogen waren.
Während nun die Räte und ihre Gesinnungsgenossen in Würzburg selbst ihre Tätigkeit aufs äußerste anspannten, schickten sie vertraute Leute aufs Land hinaus, um die Gemüter der Bauern gegen die Hexen aufzureizen. Die geängstigten Landleute, denen von jenen Sendlingen die schauerlichsten Bilder vorgemalt wurden, wenn sie nicht mit aller Macht gegen die Hexen ankämpften, wandten sich an den betreffenden Inquisitor und flehten um seinen Beistand. Er ließ ihnen dann gnädigst melden, er werde kommen und diese Pest vertilgen. Hierauf sandte er Steuereintreiber voraus, die von Haus zu Haus gingen, um eine reiche Sammlung vorzunehmen, als Handgeld, wie sie sagten. Nach Empfang dieser Summe erschien der Hexenrichter, regte aufs neue die ohnedies schon schwer geängstigten Gemüter durch Erzählung der Greueltaten und Verschwörungen auf, welche die Hingerichteten bekannt hätten, stellte sich dann, als wollte er wieder abreisen, bis die Frauen flehentlich baten, der gnädigste Herr Hexenrichter möge doch bleiben, bis alle Hexen bei ihnen vertilgt seien; sie wollten ja gerne nach besten Kräften zahlen; man möge ihnen nur um Gottes willen alle Zauberer und Hexen wegbrennen.[X]