In Würzburg selbst galt es, einen Hauptschlag zu führen. Gerings Elsa, sowie Göbels Edeltraut, als Hexen angeklagt, mußten nicht nur bei der öffentlichen Meinung — und wo und wann gälte diese arge Törin nicht? — sondern auch im Urteile des Fürsten schwer ins Gewicht fallen, noch schwerer die gegen einzelne Priester gerichtete Anklage des Bündnisses mit dem Satan: und nun erst noch die unschuldigen Kinder!

Der Oberschultheiß hatte einzelne Schulmeister zu sich entboten, um mit ihnen über etwaige auffallende Erscheinungen an den Kindern Rücksprache zu nehmen. Und was war damals nicht alles auffallend? Dann denke man sich einen Schulmeister damaliger Zeit vor einem gestrengen Oberschultheiß — die zitternde, ersterbende Demut vor der stolzen, kalten Macht!

Der Gestrenge hatte schon ziemliche Ausbeute aus den Unterredungen mit den Schulmeistern gewonnen. Dem einen schien es auffällig, daß gewisse Kinder beten, und wieder, daß andere fluchen; dem andern, daß selbst die Kinder schon von Hexen reden. Ein dritter erzählte, er habe einmal mit hellem Entsetzen gesehen, wie seine Schüler in der freien Zeit »Scheiterhaufen« spielten; da habe der, welcher den Angeklagten gemacht, ganz merkwürdige Dinge geredet und ein gar eigenes Wesen zur Schau getragen. Nun habe er aber gar in Erfahrung gebracht, daß das Unwetter, welches gestern über der Stadt sich entladen hatte, von einem Schulknaben gemacht worden sei. Derselbe habe nämlich auf dem Nachhausewege von der Schule einem Mitschüler gegenüber die höchst verdächtige Äußerung getan, es werde heute noch ein großes Gewitter über Würzburg gehen. Und sei zu jener Stunde noch gar kein Gewölke am Himmel zu sehen gewesen, während in der Nacht wirklich ein ganz unnatürliches Donnerwetter gehaust habe.

Diese und ähnliche Aussagen waren für den Hexeneifer des Oberschultheißen vollkommen ausreichend. Er ließ sich sowohl von der alten Bernin als auch von den einzelnen Schulmeistern jene Kinder bezeichnen, die im Verdachte des Bündnisses mit dem Teufel standen. Dann gab er Befehl, die bezeichneten Kinder zur Nachtzeit gefangen zu nehmen und nach dem Schneidturme zu bringen.

Es war gegen Mitternacht und alles lag in ruhigem Schlafe, als die Schergen in die einzelnen Häuser eindrangen und die Auslieferung der armen Kinder von den tödlich erschrockenen Eltern verlangten. Die Mütter lagen händeringend auf den Knien und schrien und weinten zum Himmel um Schutz für ihre Kleinen; die Väter fluchten und verwünschten Richter und Gericht und schwuren Rache, blutige Rache; die Kinder selbst aber klammerten sich mit der Kraft der Verzweiflung an ihre Eltern an, bis sie der rohen Gewalt weichen und gar manche aus ihnen von den heftigsten Krämpfen befallen nach dem Gefängnisse getragen werden mußten.

Dort hatte man bereits einen eigenen Raum für diese jungen Hexen und Zauberer bereitgehalten, und noch ehe der Morgen mit trübem Lichte durch die kleine, vergitterte Maueröffnung, die als Fenster diente, dämmerte, kauerten zwanzig Kinder in einem Alter von sechs bis elf Jahren weinend und wehklagend auf dem faulen Stroh, mit welchem der Boden des Gefängnisses bestreut war.

Die Stadt lag in tiefer Trauer. Die Männer standen finster grollend zusammen und stritten und schmähten. Die Mütter umringten die Altäre und bestürmten den Himmel mit glühenden Gebeten. Die Schulen wurden geschlossen und die Kinder einer strengen Aufsicht unterstellt.

Der Oberschultheiß aber stand in seiner Amtsstube und nahm mit hoher Befriedigung die Nachricht von der Gefangennahme der Priester und Kinder entgegen.