9. Kapitel: Der Jesuit im Gefängnis

Pater Spee hatte sogleich, nachdem er Kunde von den neuen Gefangenen erhalten, sich aufgemacht um dieselben in ihren Kerkern zu besuchen, sie zu trösten und ihnen jede Hilfe zu bringen, die in seiner Macht stand. Für ihn, der die Leiden des Kerkerlebens aus täglicher eigener Anschauung kannte und sich schon glücklich fühlte, wenn er durch seine unermüdliche Liebe den Gefangenen einige Erleichterung verschaffen konnte, war der heutige Gang nach dem Schneidturme ein so unendlich bitterer, daß er zitternd und weinend erst in des Kerkermeisters Stüblein treten mußte, um sich dort zu fassen und Mut und Kraft zu sammeln, damit er all dem Elende ins Angesicht schauen konnte, das seiner heute wartete.

Der Alte empfing den Jesuiten mit ehrerbietiger Vertraulichkeit. »Nehmt Platz in meinem Sorgenstuhle, lieber Pater! Ist's doch ein echter Sorgenstuhl geworden!«

Dabei schüttelte er das Haupt und wischte mit dem Rücken der Hand über die Augen.

»Ich wollte,« fuhr er fort, »ich könnte dem hohen Rate die Kerkerschlüssel zurückstellen. Meine ich doch, ich könne es nimmer übers Herz bringen, die da drunten zu besuchen. Pater, Kinder, arme, unschuldige Kinder haben sie mir heute nacht gebracht, 's ist zum Herzbrechen! Und Priester und die ehrbarsten Jungfrauen der Stadt haben bei mir Quartier neben dem schlechtesten Gesindel. Sollen sie alle Hexen und Zauberer sein? Sagt mir, lieber Pater, glaubt Ihr das?«

»Gewiß nicht eines von ihnen!« antwortete Spee.

»Seht, Pater, da denkt Ihr wie ich. Die armen Kinderlein und die Edeltraut und die Elsa... es ist zum Rasendwerden!«

»Was machen die Kleinen?« fragte der Jesuit mit bebender Stimme.

»Ach, du mein Gott!« rief der Alte und faltete die Hände, »die armen Würmlein rufen nach ihren Eltern, daß es einen Stein erbarmen möchte. Dann knien sie sich wieder zusammen auf den Boden und beten und weinen. — Herr, ich konnt' es nicht mit ansehen, die hellen Tränen stürzten mir aus den Augen. O Pater, da müßt Ihr mit Euerer Liebe helfen, unsereiner hat für solchen Jammer wohl eine Träne, aber kein tröstendes Wort.«

Spee erhob sich rasch.